Fritz Hausjell: „Das waren Sätze, die uns wirklich ins Tiefste erschreckt haben“ Ein Gespräch mit der Publizistin Hilde Spiel über das Bedenkjahr 1988 und den umstrittenen René-Marcic-Preis für Publizisten

Einleitung: Dr. Hilde Spiel, 1911 in Wien geboren (Ausführliche Daten zum Leben der Publizistin sowie eine Bibliographie ihrer Werke enthält medien & zeit 1/87, 8–16), emigrierte 1936 – unter dem Eindruck der Ermordung des Wiener Philosophen Moritz Schlick an der Wiener Universität sowie der blutigen Niederschlagung des Arbeiteraufstandes im Februar 1934 – nach London. 1963 kehrte sie endgültig nach Wien zurück. Für ihr schriftstellerisches und publizistisches Schaffen wurde sie in Österreich häufiger jedoch im Ausland – vielfach ausgezeichnet. Großen Erfolg hatten zuletzt ihr Buch Glanz und Untergang – Wien 1866–1938 und die Aufführung ihres Stückes Anna und Anna am Wiener Burgtheater. Derzeit arbeitet sie in Wien an einem Erinnerungsbuch.

medien & zeit: Frau Dr. Spiel, steht Österreich – wenn man das überhaupt so undifferenziert fragen darf – heute, nach dem Jahr 1988, in dem doch ganz wesentlich an das erinnert wurde, was vor fünfzig Jahren an Grausamem und Fürchterlichem begonnen hatte, in Summe anders zur eigenen Geschichte, als das davor der Fall war ?

Dr. Hilde Spiel: Ich glaube schon, daß es das tut, obwohl man zwischen den jungen Menschen und den älteren differenzieren muß: die jungen, die – hoffentlich hinhören, und die älteren, die weghören. Aber ich glaube, auf Unkenntnis kann sich eigentlich niemand mehr berufen. Und jene wüsten Behauptungen, es hätte dies oder jenes überhaupt nicht gegeben, kann man wahrscheinlich nach der ungeheuer umfangreichen und eingehenden Information und Dokumentation, die in diesem Jahr stattgefunden hat, nicht mehr aufrecht erhalten. Obwohl ich Anfang des Jahres 1988 befürchtet habe, daß diese ständige Berieselung der Öffentlichkeit mit zeitgeschichtlichen Informationen in zunehmendem Maß eher Opposition hervorrufen wird, hat sich doch am Schluß des Jahres herausgestellt, daß man gewisse Schichten oder Altersgruppen in der Bevölkerung wahrscheinlich doch positiv erreicht und beeinflußt hat. Vielleicht ist das ein Wunschdenken von mir; aber ich kann nur nach zwei Gesprächen, die ich mit jungen Leuten hatte, urteilen: Ich habe im Theresianum schon Anfang des Jahres einen freien Vortrag auf Wunsch der Erzieher gehalten. Eigentlich ging es um die Zwischenkriegsjahre, aber wir haben dann eben auch über den „Anschluß“ und so weiter gesprochen. Und ich habe schon den Eindruck bekommen, daß diese Knaben, die vielleicht von Zuhause nicht immer ausführlich informiert worden waren, doch sehr interessiert waren und vieles von mir wissen wollten. Und auch in einem anderen kleinen Kreis von jungen Leuten machte ich diese Erfahrung…

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