Julia Lönnendonker: Europäische Identität Methodisches Vorgehen einer historisch vergleichenden Diskursanalyse europäischer Identität

Abstract
Der Beitrag beschreibt historisch-vergleichend die Konstruktionen europäischer Identität anhand der Debatte um einen möglichen Beitritt der Türkei zur EWG/EG/EU seit 1959. Es wird untersucht, mit welchen Charakteristika die Gemeinschaft der EuropäerInnen im Diskurs beschrieben wird, wie ihre Grenzen definiert werden und wer als ihr potentielles Mitglied angesehen wird. Der Fokus des Artikels liegt auf der Beschreibung des empirischen Zugangs. Es wird ein Forschungsdesign für eine wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA) der medialen Öffentlichkeit beschrieben, mit dem sich auch die Dynamiken der historischen Entwicklung und der Ausdifferenzierung der Identitätskonstruktionen zeigen lassen. Es werden zudem die Vor- und Nachteile der WDA Perspektive im Vergleich zu rein inhaltsanalytischen Verfahren diskutiert.

Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949-63)

Abstract
Remakes sind ein typisches Phänomen im Publikumskino der Adenauer-Zeit, wurden aber in der filmhistorischen Forschung bis dato eher erwähnt als untersucht. Der Beitrag stellt die erste Dissertation über Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949–63) in Bezug auf die theoretischen Ausgangspunkte, den analytischen Aufbau und ausgewählte Ergebnisse vor.
Die Remakeproduktion der 1950er Jahre basierte zum Großteil auf Stoffen und Drehbüchern, die bereits in der NS-Zeit verfilmt worden waren. Einerseits besteht dadurch eine direkte Verbindung zur Populärkultur im Nationalsozialismus, andererseits handelt es sich um Neuverfilmungen, also neue Inszenierungen der alten Filme. So bewegen sich die Remakes im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Veränderung, das es analytisch zu fassen galt. Die Studie erscheint im August 2017 unter dem Titel Wiedersehen im Wirtschaftswunder bei Vandenhoeck & Ruprecht unipress.

Anna Sawerthal: Eine Zeitung für Tibet Der yul phyogs so so’i gsar ‘gyur me long (1925-1963)

Abstract
Das hier vorgestellte Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit dem Beginn der tibetisch-sprachigen Pressegeschichte und beleuchtet umfassend eine der ersten tibetisch-sprachigen Zeitungen, den yul phyogs so so’i gsar ‘gyur me long, den „Spiegel der Nachrichten aus verschiedenen Regionen [der Welt]“ (hier kurz Melong) im sozio-historischen Kontext. Diese Zeitung wurde von 1925-1963 im indischen Grenzort Kalimpong, das im heutigen Westbengalen liegt, produziert. Von dort wurde sie monatlich mit Yak-Karawanen nach Lhasa gebracht. Die Zeitung hatte zwar ein globales Distributionsnetzwerk, ihre HauptleserInnenschaft befand sich aber in Zentraltibet und Kalimpong.
Die medienhistorische Studie untersucht, wie das globale Produkt „Zeitung“ für ein tibetisch-sprachiges Publikum adaptiert wurde, und analysiert einerseits damit einhergehende Transformationsprozesse des Genres Zeitung und andererseits der daran teilhabenden Gemeinschaft „Tibet“. Aufgrund der Quellenlage fokussiert sie auf Vorstellungen über dieses Tibet innerhalb der Zeitung und verbindet somit Benedict Anderson’s Thesen der „Imagined Communities“ mit dem transkulturellen Ansatz.

Christina Krakovsky: The Political Element in Serbian Public Discourse Or: Where to Look for Political Involvement in a Seemingly Apolitical Society

Abstract
The political system in Southeast Europe has a long and complicated history. Former citizens of Yugoslavia are not only used to comprehensive manipulation and exploitation of history by politicians, but also to the silencing of stories in a private and public context. It is hardly surprising that the overwhelming majority of studies examining the political activities and participation among the population in this region conclude that there is a rather low involvement in democratic processes by citizens. Focusing mainly on Serbia, this paper takes a different approach. The present paper aims to demonstrate that the political field is closely entwined with cultural, artistic, and civil activism. Hence, a vast amount of political competence lies in an often-overlooked, so-called non-political area. A recognition and integration of this political potential could be an important step towards a unified and equal Europe.

Christina Steinkellner: „Der Schoß ist fruchtbar noch,…“ Zur Entwicklung rechtsextremer Ideologien in einschlägigen Zeitschriften von 1952/1953 bis zum Staatsvertrag 1955

Abstract
Das Fortleben der Ideologien ehemaliger NationalsozialistInnen nach 1945 kann sich anhand von Presseartikeln, Dokumenten, gesellschaftlichen Geschehnissen und auch politischen Aktivitäten festmachen lassen. In vorliegender Analyse wird auf die Auseinandersetzung der österreichischen Politik und Gesellschaft mit dem nationalsozialistischen Erbe eingegangen und dessen Einwirkungen auf die einschlägige Presse, insbesondere auf die Gazetten Die Aula und der Eckartbote beleuchtet. Das Ziel dieser Arbeit ist das Herausfiltern des Demokratieverständnisses der ehemaligen NationalsozialistInnen im Nachkriegsösterreich. Ausschlaggebend dabei ist, dass das Land falsch als das „erste Opfer“ des Nationalsozialismus deklariert wurde. Das besondere Forschungsinteresse liegt darin, die Einstellungen der ArtikelverfasserInnen hinsichtlich der politischen Umstände im Nachkriegsösterreich unter Berücksichtigung der schwammigen Entnazifizierungsmaßnahmen zu identifizieren. Untersucht wurde die Zeit der (Wieder-) Erscheinung der Blätter, die Jahre 1952 (Die Aula) bzw. 1953 (Eckartbote), bis zum Jahresende 1955. Damit konnten die medialen Reaktionen auf die Ratifizierung des Österreichischen Staatsvertrages, der im Mai 1955 unterzeichnet wurde, in die Analyse miteinfließen. Ebenfalls wird dem Umstand Aufmerksamkeit geschenkt, dass sich die Lage und Akzeptanz der ehemaligen NationalsozialistInnen nach deren Amnestierungen 1947/1948 um einiges besserte, ein regelrechtes Buhlen um die WählerInnenstimmen dieser „Ehemaligen“ stattfand und dies einen großen Einfluss auf gesellschaftliche und politische Bereiche in Österreich hatte.

Diotima Bertel: Journalistische Verantwortung zwischen Individualethik und Berufsethos Überblick über philosophische Positionen der Medienethik

Abstract
Die Medienethik, die in der (deutschsprachigen) kommunikationswissenschaftlichen Debatte lange Zeit eine untergeordnete Rolle gespielt hat, stellt nur selten die Frage nach ihren philosophischen Grundlagen, sondern beschäftigt sich zumeist mit moralischen Normen und Pflichten der Medienschaffenden. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die philosophische Basis, die sowohl deontologisch (transzendentalphilosophisch, diskursethisch) oder teleologisch (utilitaristisch) begründet sein kann, wobei beide dieser Ansätze der normativen Ethik zugeordnet werden können. Davon ausgehend wird die Frage nach der Verantwortung als zentrale medienethische Kategorie neben Öffentlichkeit, Freiheit und Qualität behandelt. Im Spannungsfeld zwischen Individualethik und Berufsethos wird versucht, diese essentielle Kategorie einzuordnen. Die Selbstregulierung des Journalismus durch journalistische Ehrenkodizes und Presseräte ist dabei eine Möglichkeit, individuelle und berufsethische Positionen zu verbinden.

Christiane Grill: Mate Guarding und seine alltagsweltliche Relevanz Wie Bestehen und Scheitern von Treuetests reflexive Lernprozesse initiieren

Abstract: Reality-Fernsehen ist stets für die Erfüllung von voyeuristischen und eskapistischen Bedürfnissen seines Publikums kritisiert worden. Seine Wirkungen auf lebensweltliche Lernprozesse wurden zumeist ignoriert. Im Rahmen einer Medienwirkungsstudie (N=137) wurde untersucht, welche Effekte das Bestehen und Scheitern von Frauen und Männern in Treuetests auf reflexive Lernprozesse der Rezipientinnen und Rezipienten haben. Dabei wurde erstmalig das Konzept des Mate Guarding – des Überwachens und Kontrollierens der Partnerschaft – in den deutschsprachigen Kulturraum übertragen. Ergebnisse der Studie belegten, dass insbesondere jüngere Männer das größte Potential für Mate Guarding aufwiesen. Dabei würden sie verstärkt die Strategie der Beziehungs-Affirmation nutzen; auch vor Gewalt gegenüber der Konkurrenz würden sie nicht zurückschrecken. Anhand unterschiedlicher Ausgänge des taff Treuetest wurde gezeigt, dass durch positives Modell-Lernen – also durch das Vorzeigen eines erfolgreichen Bestehens des Treuetests – Mate Guarding Strategien abgebaut werden. Gleichzeitig wurden diese Strategien ebenfalls reduziert, wenn die Untreue von Männern aufgedeckt wird; sprich wenn negative Modelle als Vorlage dienten. Insgesamt wies die Studie damit sowohl lineare aus auch non-lineare, reflexive Lernprozesse bei den Zuschauerinnen und Zuschauern nach.

Andreas Enzminger: Mediationen des Schreckens Wirkung einer Holocaust-Dokumentation in der Jüdischen Gemeinde Wiens

Abstract: Nahezu keine TV-Dokumentation zum Thema Holocaust kommt seit Beginn der 1980er Jahre ohne den Einsatz von ZeitzeugInnen aus. Sie sollen den RezipientInnen als Authentizitätsbeweis dienen und historische Fakten mit subjektiven Erzählungen untermauern. Die Frage stellt sich, was dieses beliebte Inszenierungsformat für den Prozess der Geschichtsvermittlung in einer Gruppe leistet, deren Verwandte und Vorfahren dem Nazi-Terror in großer Zahl zum Opfer fielen. Mit Hilfe einer experimentellen Wirkungsstudie wird im vorliegenden Beitrag der Einfluss des Einsatzes von TäterInnen- und Opfer-ZeitzeugInnen auf geschichtsvermittelnde Prozesse bei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Wiens untersucht. Im Mittelpunkt stehen die rezeptive Partizipation junger österreichischer Juden und Jüdinnen an der Holocaust-Dokumentation Nacht & Nebel bzw. mögliche Rezeptionswiderstände, die aus Belastungsreaktionen resultieren. Des Weiteren wird geprüft, welche Chancen und Grenzen der Vermittlung humanitärer Werte sich aus der Präsentation von Schreckenszeugnissen der Nazi-Zeit ergeben.
Bei den 111 befragten jüdischen RezipientInnen wurden nach der Filmvorführung von Nacht & Nebel sehr hohe emotionale Belastungswerte ermittelt. Der emotionale Stress ermöglichte zwar eine intensive rezeptive Partizipation und förderte einzelne humanitäre Einstellungen, hemmte aber teilweise auch den Humanitätstransfer. Die ZeitzeugInnen fungierten i.A. als Stressmoderatoren und Türöffner für rezeptive Beteiligungsformen. Allerdings war die Zusammenstellung der ZeitzeugInnen-Typen dafür ausschlaggebend, wie hoch oder niedrig Stress, Beteiligung und Humanitätsgewinn im Einzelnen ausfielen.

Dieser Beitrag steht als Download zur Verfügung:
Andreas Enzminger (2014). Mediationen des Schreckens. Wirkung einer Holocaust-Dokumentation in der Jüdischen Gemeinde Wiens. In: medien&zeit, 29 (1), S. 50-62.

Research Corner

Unter der Rubrik Research Corner werden kommunikationswissenschaftliche Forschungsarbeiten vorgestellt, die, unabhängig von der Themensetzung des jeweiligen Heftes, qualitative wie quantitative Methodenanwendungen inklusive der damit erzielten Forschungsresultate beinhalten. Der historical approach, dem sich medien & zeit verpflicht fühlt, wird hier weit ausgelegt.

In der Research Corner werden Arbeiten zu folgenden Forschungsthemen publiziert:

  • klassische Studien der Mediengeschichte und der Analyse von Medien im Kontext von Zeitumständen,
  • empirische Untersuchungen zu aktuellen Prozessen der Geschichtsvermittlung durch Medien,
  • fachhistorische Rekonstruktionen und
  • Prozessanalysen der Kommunikation in der Zeit

medien & zeit vertritt in der Research Corner einen multiplen Methodenbegriff, der sozial- und kulturwissenschaftliche Techniken der quantitativen und qualitativen Forschung ebenso umfaßt wie rekonstruktive Methoden der Geschichtsschreibung, der empirischen Quellenkritik und narrativen Strukturierung. Gemeinsam soll den hier veröffentlichten Beiträgen ein hohes Reflexionsniveau sein.

Um die internationale Sichtbarkeit der Research Corner zu gewährleisten, können sowohl deutschsprachige als auch englische Beiträge eingereicht werden. Die Qualitätskontrolle obliegt dem Reviewing Board, das aus qualifizierten Fachvertretern des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (IPKW) sowie des Arbeitskreises für historische Kommunikationsforschung (AHK) gebildet wird.

Die Research Corner wendet sich insbesondere an junge WissenschaftlerInnen innerhalb und außerhalb des IPKW. Studien sind als work in progress auch und gerade dann erwünscht, wenn sie innovative Elemente enthalten und methodisch exzellent sind. Nachwuchsförderung verstehen wir als Interaktionsprodukt zwischen etablierter und nicht-etablierter Wissenschaft, die gemeinsam die Kreativität der Forschung verbürgen. Die Arbeiten in der Research Corner werden gedruckter und elektronischer Version erscheinen.

Laufende Einreichung an: research_corner@medienundzeit.at

Länge der Einreichungsbeiträge: Abstract (Fragestellung, Methode, Ergebnisse, max. 1.000 Wörter ohne Literaturverzeichnis).
Nach positiver Begutachtung durch das Reviewing Board Full Paper, nach Vorgabe (siehe Richtlinien & Style Sheet).