Editorial 2/2017 Diotima Bertel, Erik Koenen, Mike Meißner, Patrick Merziger & Bernd Semrad

Die vorliegende Ausgabe von medien & zeit führt ein neues Heftformat – ein thematisch offenes Heft – ein und verzichtet auf ein Schwerpunktthema. Damit wollen wir ein Forum für aktuelle kommunikations- und medienhistorische Forschung etablieren. Die Möglichkeit für AutorInnen, unabhängig von längerfristig geplanten Themenheften zu publizieren, soll ein Anreiz dafür sein, sich fortgesetzt mit historischen Fragestellungen innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft auseinanderzusetzen. Um sicherzustellen, dass möglichst vielfältige und qualitativ herausragende Beiträge veröffentlicht werden, haben wir uns internationalen Standards für wissenschaftliches Publizieren (double-blind peer review) verpflichtet. Zusätzlich laden wir eine/n GastherausgeberIn ein – für dieses Heft Patrick Merziger –, der/die jährlich wechseln wird. Das Ziel ist es, dieses neu eingeführte Heftformat zu verstetigen und zukünftig einmal pro Jahrgang ein offenes Forum für kommunikations- und medienhistorische Forschung anzubieten. Das „Offene Heft“ bereichert daher die thematische Vielfalt wie auch die Struktur von medien & zeit, indem neben den von HerausgeberInnen geplanten und strukturierten Themenheften auch ein aktuelles Abbild der historischen Kommunikations- und Medienforschung ermöglicht wird, da hier allen Themen – die sonst wegen fehlenden Bezugs zu den geplanten Themenheften nicht berücksichtigt werden würden – die Chance zur Veröffentlichung gegeben wird. Weiterlesen

Hendrik Michael: Konstitution und Synthese der Reportage in der Lokalberichterstattung der New Yorker Massenpresse vor dem Bürgerkrieg Ein Beitrag zur historischen Genreforschung

Abstract
Im Schlaglicht der gegenwärtigen Hybridisierung journalistischer Genres kann historische Genreforschung versuchen, Neukonstitutionen, Erneuerungen und Synthesen innerhalb des Journalismus nicht als epochalen Bruch, womöglich gar als Auflösungserscheinung, zu deuten, sondern Kontinuitäten aufzuzeigen und Orientierungspunkte anzubieten. An dieser Stelle soll ein Beitrag zur Geschichte der Reportage stehen, der, ergänzend zum gängigen Diktum, Methoden und Gegenstand der Reportage im Augenzeugen- und Reisebericht zu verorten, deren Genese und Ausdifferenzierung dezidiert im publizistischen Kontext der amerikanischen Massenpresse vor dem Bürgerkrieg untersucht. Anhand der Lokalberichterstattung der New York Tribune in den 1840er Jahren wird gezeigt, dass journalistische Genres grundsätzlich als textuelle Vermittlungsroutinen an journalistische Arbeitsprozesse gekoppelt sind, die sich in spezifischen Verfahrensweisen und Darstellungsformen niederschlagen.

Niklas Venema: Auslandskorrespondenten in drei politischen Systemen (1914-1939)

Abstract
Die Entwicklung der Berufsrolle des/der AuslandskorrespondentIn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insbesondere ihre Struktur sind nach wie vor zu erforschende Felder. Rahmenbedingungen dafür sind die Ökonomisierung der Presse, die Professionalisierung des Journalismus sowie die Internationalisierung und gleichzeitige Nationalisierung öffentlicher Kommunikation. Hinsichtlich dieser zentralen Dimensionen werden die Gruppen der KorrespondentInnen in Deutschland sowie der deutschen AuslandsberichterstatterInnen in drei Phasen untersucht: während des Ersten Weltkrieges, in der Weimarer Republik und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Dazu dient eine sekundärstatistische Erhebung und Auswertung berufs- und zeitungsstatistischer Daten zeitgenössischer Pressehandbücher, die auf Veränderungen angesichts des Wandels des politischen Systems untersucht werden. Die Ergebnisse werden mit einer qualitativen Untersuchung der Deutschen Presse, dem Organ des Reichsverbandes der deutschen Presse, eingeordnet. So wird gezeigt, dass trotz des komplexen gesellschaftlichen Wandels und der externen Rahmenbedingungen die Strukturen der Berufsrolle und des internationalen Nachrichtenflusses relativ stabil blieben.

Thomas Birkner & Valerie Hase: Framing German and global politics over three decades A quantitative content analysis of the journalistic work of Helmut Schmidt

Abstract
The former German Chancellor Helmut Schmidt (1918-2015) continued his political work as a publicist at the country’s most influential weekly Die Zeit. Using a content analysis and a subsequent cluster analysis, we apply quantitative methods to discover how Schmidt framed German and global politics in the historic context of the last three decades. The paper’s aim is to show the value of frame analysis for communication history research and to reveal frame dynamics and statics over time. Our findings illustrate Schmidt’s historically grown view on economic and political developments, which he promoted in his new office. Especially his successor Helmut Kohl (1930-2017) is often criticized and treated as a cause for many political problems, particularly in the 1990s. However, Schmidt’s journalistic work is not only influenced by his own political biography, but also by the historic context of his time, such as the German reunification. Overall, Schmidt’s journalistic work is shaped by a) his political dispositions and b) the journalistic routines he adapted to at Die Zeit.

Silke Fürst: Die Etablierung des Internets als Self-Fulfilling Prophecy? Zur Rolle der öffentlichen Kommunikation bei der Diffusion neuer Medien

Abstract
Medienhistorische Arbeiten legen meist dar, dass das Aufkommen neuer Medien von euphorischen und pessimistischen Stimmen begleitet wird. Die öffentliche Kommunikation über neue Medien wird dabei aber kaum herausgearbeitet. Zugleich haben sich Mediengeschichte, Diffusionstheorie sowie empirische Forschung zur Mediennutzung und -aneignung bisher kaum gegenseitig befruchtet. Dieser Beitrag zielt am Beispiel der Diffusion des Internets auf eine Verbindung dieser verschiedenen Forschungsbereiche. Gezeigt wird, wie die Verbreitung des Internets in der öffentlichen Kommunikation bereits rhetorisch vorweggenommen wurde. Auf Basis zweifelhafter und interessengeleiteter Schätzungen verbreiteten journalistische, politische und wirtschaftliche AkteurInnen Aussagen und Zahlen zur gegenwärtigen und zukünftigen Nutzung und Ausbreitung des Internets. Potenzielle NutzerInnen konnten durch diese Berichterstattung Vorstellungen einer stark wachsenden Onlinegemeinschaft und unaufhaltsamen gesellschaftlichen Entwicklung gewinnen, die sie selbst unter Zugzwang setzten. Die zusammengeführten Erkenntnisse ermöglichen eine kritische Diskussion und Erweiterung der Diffusionstheorie und vertiefen das historische Verständnis für die Etablierung neuer Medien.

Tobias Rohrbach, Franziska Oehmer & Philomen Schönhagen: Ein integratives Modell zur Analyse von Fachidentität in der Kommunikationswissenschaft Theoretische Entwicklung und eine Fallstudie zu 50 Jahren Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Fribourg

Abstract
Die kommunikationswissenschaftliche Beschäftigung mit Fachidentität hat in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen. Während sozialwissenschaftlich-empirische Studien vor allem aktuelle Fachinhalte mit Blick auf die verwendeten Theorien, Methoden und Gegenstände betrachten, befassen sich Beiträge aus einer fachhistorischen Perspektive verstärkt mit der institutionellen, personellen und kognitiven Entwicklung. Allerdings mangelt es gegenwärtig an theoretischen und empirischen Berührungspunkten zwischen diesen beiden Perspektiven. Dieser Beitrag schlägt ein integratives Modell zur Analyse von Fachidentität vor, welches bisherige Erkenntnisse aus der sozialwissenschaftlich-empirischen und der fachhistorischen Forschungsperspektive miteinander verknüpft und eine ganzheitliche Analyse von Fachidentität ermöglichen soll. Das Modell wird anschließend im Rahmen einer Fallstudie zum 50-jährigen Bestehen des Departements für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Fribourg (Schweiz) exemplarisch angewandt.

Julia Pohle: Information for All? The emergence of UNESCO’s policy discourse on the information society (1990-2003)

Abstract
Der kurze Präsentationstext stellt die Dissertation Information for All? The emergence of UNESCO’s policy discourse on the Information Society (1990-2003), die mit dem Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2017 der DGPuK ausgezeichnet wurde, in Grundzügen vor. Die Dissertation besteht aus einer umfassenden Analyse der politischen Reaktion der UNESCO auf die Verbreitung des Internets als Massenmedium in den 1990er Jahren und dem damit verbundenen Konzept der „Informationsgesellschaft“. Die kommunikationshistorische Relevanz der Arbeit ergibt sich jedoch nicht nur aus der empirischen Untersuchung, sondern ebenfalls aus der Entwicklung eines konzeptionell-methodischen Analyserahmens, der die übliche teleologische Untersuchungsperspektive der Policy-Analyse durch die historische Rekonstruktion von Policy-Prozessen ersetzt. Durch diese Fokussierung auf den Entstehungsprozess des Policy-Diskurses der UNESCO zur Informationsgesellschaft versucht die Arbeit einen innovativen Beitrag zu den theoretischen und empirischen Grundlagen der historischen Policy-Forschung in den Kommunikations- und anderen Sozialwissenschaften zu leisten.

Julia Lönnendonker: Europäische Identität Methodisches Vorgehen einer historisch vergleichenden Diskursanalyse europäischer Identität

Abstract
Der Beitrag beschreibt historisch-vergleichend die Konstruktionen europäischer Identität anhand der Debatte um einen möglichen Beitritt der Türkei zur EWG/EG/EU seit 1959. Es wird untersucht, mit welchen Charakteristika die Gemeinschaft der EuropäerInnen im Diskurs beschrieben wird, wie ihre Grenzen definiert werden und wer als ihr potentielles Mitglied angesehen wird. Der Fokus des Artikels liegt auf der Beschreibung des empirischen Zugangs. Es wird ein Forschungsdesign für eine wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA) der medialen Öffentlichkeit beschrieben, mit dem sich auch die Dynamiken der historischen Entwicklung und der Ausdifferenzierung der Identitätskonstruktionen zeigen lassen. Es werden zudem die Vor- und Nachteile der WDA Perspektive im Vergleich zu rein inhaltsanalytischen Verfahren diskutiert.

Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949-63)

Abstract
Remakes sind ein typisches Phänomen im Publikumskino der Adenauer-Zeit, wurden aber in der filmhistorischen Forschung bis dato eher erwähnt als untersucht. Der Beitrag stellt die erste Dissertation über Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949–63) in Bezug auf die theoretischen Ausgangspunkte, den analytischen Aufbau und ausgewählte Ergebnisse vor.
Die Remakeproduktion der 1950er Jahre basierte zum Großteil auf Stoffen und Drehbüchern, die bereits in der NS-Zeit verfilmt worden waren. Einerseits besteht dadurch eine direkte Verbindung zur Populärkultur im Nationalsozialismus, andererseits handelt es sich um Neuverfilmungen, also neue Inszenierungen der alten Filme. So bewegen sich die Remakes im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Veränderung, das es analytisch zu fassen galt. Die Studie erscheint im August 2017 unter dem Titel Wiedersehen im Wirtschaftswunder bei Vandenhoeck & Ruprecht unipress.