Editorial 3/2015 Im Brennpunkt: Fach- und Institutsgeschichte

Personelle Leitung, universitäre Einbettung, politisches Verständnis und nicht zuletzt die „Tradition“, schlicht die Geschichte, von wissenschaftlichen Instituten formen Ausrichtung und Zukunft eines Faches erheblich mit. Die eindringliche Auseinandersetzung mit Fachgeschichte, ob im Sinne einer Aufarbeitung politischer Instrumentalisierung, Aufdeckung bürokratischer Barrieren oder der wissenschaftlichen Ausrichtung, ist notwendig, um eine sinnvolle Institutspolitik zu gestalten. Das vorliegende Heft möchte einen Beitrag dazu leisten und richtet die Aufmerksamkeit auf theoretische Verortungen und praktische Herausforderungen im Zuge der Betrachtung von Institutsgeschichte(n) der Kommunikations-, Medien- und Publizistikwissenschaft.
Damit widmet sich medien & zeit einer Thematik, die zu unrecht als verstaubt gelten mag und versammelt vier Beiträge zum Schwerpunkt Fach- und Institutsgeschichte, die die Brisanz des Themas anhand der analytischen Betrachtung von „Ein-ProfessorInnen-Instituten“ über das 100-jährige Jubiläum der „Leipziger Zeitungskunde“ bis hin zum „Modestudium Publizistik“ darlegen.

Gemeinsam mit einer Sonderausgabe anlässlich der Ausstellung „Von der Propagandaschmiede zur Kommunikationswissenschaft“, die vom 24. September 2015 bis zum 25. Februar 2016 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien (IPKW) gezeigt wird, zeigt medien & zeit die für das Fach tragende Rolle in der Auseinandersetzung und im praktischen wie im theoretischen Einfluß von Institutsgeschichte auf. Weiterlesen

Thomas Wiedemann & Michael Meyen: Ein-Professoren-Institute in der Kommunikationswissenschaft Plädoyer für eine Fachgeschichtsschreibung, die institutionelle und wissenschaftliche Leistungen voneinander trennt

Abstract
Der Beitrag plädiert für eine Fachgeschichtsschreibung, die institutionelle und wissenschaftliche Aspekte voneinander getrennt betrachtet und so die eigentliche Leistung früherer Fachvertreter (die institutionelle Absicherung der Disziplin) zu einem Bezugspunkt für die kollektive Identität der Fachgemeinschaft macht. Für dieses Anliegen werden Ein-Professoren-Institute in den Blick genommen, die für die Vergangenheit der Disziplin lange Zeit charakteristisch waren und bei denen es geradezu zwangsläufig zu einer Vermischung personen-, ideen- und institutionengeschichtlicher Perspektiven kommt. Basierend auf Bourdieus Verständnis von wissenschaftlichen Feldern und mithilfe von vier zu Thesen verdichteten Beispielen aus der Geschichte der deutschsprachigen Zeitungs-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wird gezeigt, dass für die Akzeptanz (und den Ausbau) von Ein-Professoren-Einrichtungen an der Universität weniger das im Fach angesammelte wissenschaftliche Kapital ausschlaggebend war, sondern die Reputation der Fachvertreter im Feld der Macht – eine Art Metakapital, das in Politik, Medien und Öffentlichkeit erworben wurde.

Erik Koenen: 100 Jahre kommunikationswissenschaftliche Fachtradition in Leipzig Von der Zeitungskunde als akademischer Spezialität zur Wissenschaft von der Mediengesellschaft. Eine Institutsgeschichte im Spannungsfeld von Ideen, Ideologien und Interessen

Abstract
Die von Karl Bücher 1915 an der Universität Leipzig initiierte Gründung eines Instituts für Zeitungskunde gilt als organisatorischer Nukleus der fachlichen Institutionalisierung der Zeitungskunde und damit als institutionelle Wurzel der kommunikationswissenschaftlichen Fachtradition in Deutschland. Ausgehend von der These, dass Gesellschaft und Wissenschaft interdependent sind und sich in der Entwicklung und dem Wandel von Disziplinen und ihren institutionalisierten Strukturen spezifische Spannungsfelder aus Ideen, Ideologien und Interessen herausbilden, unternimmt der Beitrag eine konzentrierte Zusammenschau von 100 Jahren Leipziger Fach- und Institutsgeschichte in fünf Etappen: (1.) Büchers Idee und die Institutsgründung (1915-1926); (2.) theoretische Fundierung der Zeitungskunde als Wissenschaft durch Erich Everth (1926-1933); (3.) nationalsozialistische Ideologisierung und Instrumentalisierung unter Hans Amandus Münster (1933-1945); (4.) Rekonstitution nach 1945 und Re-Ideologisierung zur „Sozialistischen Journalistik“ (1945-1989); (5.) Abwicklung der „Sozialistischen Journalistik“ nach der politischen Wende 1989/90 und Neugründung eines integrativen Viel-Felder-Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft (1989-1993).

Hans Bohrmann: 100 Jahre nach der Eröffnung der Leipziger Zeitungskunde Über den Beitrag der akademischen Journalistenvorbildung in Deutschland

Abstract
Die Presse kam als Gegenstand in die Geisteswissenschaften. Zeitungskunde / Zeitungswissenschaft waren der Gegenstand und die Veröffentlichungen diesem, auch wenn sie sich am Rande mit dem Journalismus befassten. Die anfangs kleine Zahl von Studenten, die das Fach wählten, erforderten Prüfungen. Angeboten wurde nichts Spezifisches, sondern die Doktorsprüfung, d.h. der überwiegende Teil der Studenten wurde in anderen Fächern graduiert, meist ging man ohne Examen ab. Die Schwerpunktsetzung des Faches und die defizitären Prüfungsmöglichkeiten, zeigen, dass mit dem Fach ein Beitrag zur Professionalisierung beabsichtigt war. Durch das Fach hatte „Standespolitik“ (J. Heuser) einen Durchbruch erzielt, die eher der Institution, weniger den Journalisten zu gute kam. Die Prüfungssituation wurde ab 1957 (BRD) und den Dipl. – Journalisten in der DDR (Leipzig) verbessert, wobei der MA-Titel sich langsam durchsetzte und viele Fremdbestimmungen durch die Nebenfächer enthielt. Erst die vom Bund in den 70iger Jahren finanziell angeschobenen Modellversuche für eine Journalistik führten zum Doppeldiplom (MA und Zertifikat der Deutschen Journalistenschule, München) und zum Dipl.-Journ. (Dortmund). Der im Rahmen des Bologna Prozesses erfolgt Umstieg auf B.A. und konsekutiven MA bringt keine qualitative Veränderung, sodass der Status einer Universitätsabschlussprüfung bestehen bleibt. Im Konkurrenzkampf um Publikum und Werbeaufträge im digitalen Zeitalter scheinen Redaktionen für direkter Subventionen (M.-L. Kiefer), sachlich geeignet, aber das Unistudium Journalismus hat keinen Beitrag Professionisierung (vgl. Ärzte, Rechtsanwälte) gebracht. Alle Fortschritte wurden zusammen mit den Verlagen gegangen, die bislang die von den indirekten Subventionen profitiert haben.

Wolfgang R. Langenbucher: Von der Manufaktur zum Massenbetrieb Institutspolitik für die Studentinnen und Studenten. Eine Collage zu 20 Jahren Institutsgeschichte

Vorbemerkung
Im Wintersemester 1983/84 waren statistisch 2.100 Studierende registriert; erfahrungsgemäß widmete sich nur ein Teil so ernsthaft dem Studium, dass entsprechend der bis dahin geltenden Doktoratsordnung mit einem erfolgreichen Abschluss zu rechnen war. Nicht zuletzt die in unserem Fach besonders hohe Drop-Out-Rate war einer der Gründe zum Übergang in eine neue Studienordnung, das Diplomstudium mit dem Abschluss Magister. Die startete im Sommersemester 1984; von wenigen Übertretern abgesehen (von der Institutsleitung befürwortet, von den hoffnungsvoll sich als Doktores Währenden aber ungeliebt) begannen die Abschlüsse in diesem neuen Normalstudium Ende der 80er Jahre. Das wichtigste Ziel neben einer inhaltlichen Studienreform war die Senkung der Drop-Out-Rate. Die personellen, räumlichen und sachlichen Voraussetzungen dafür waren desaströs schlecht. Trotzdem verfolgten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ganzem Engagement dieses Ziel. Durch die in diesen Jahrzehnten allgemein dramatisch wachsenden v.a. Studentinnenzahlen wurde dieses Ziel von Semester zu Semester zu einer immer schwieriger zu lösenden Aufgabe.
Wie das Institut mit den Ressourcen einer kleinen, nur langsam größer werdenden Manufaktur diese Gegebenheiten zu bewältigen versuchte, d.h. für fast zwei Jahrzehnte die ganze Institutspolitik auf die Studierenden konzentrierte, das soll hier in einer Collage mit Dokumenten aus mehr als 20 Jahren Institutsgeschichte rekonstruiert und dokumentiert und am Ende aus dem Abstand von einem Jahrzehnt Emeritariat kommentiert werden.

Christina Steinkellner: „Der Schoß ist fruchtbar noch,…“ Zur Entwicklung rechtsextremer Ideologien in einschlägigen Zeitschriften von 1952/1953 bis zum Staatsvertrag 1955

Abstract
Das Fortleben der Ideologien ehemaliger NationalsozialistInnen nach 1945 kann sich anhand von Presseartikeln, Dokumenten, gesellschaftlichen Geschehnissen und auch politischen Aktivitäten festmachen lassen. In vorliegender Analyse wird auf die Auseinandersetzung der österreichischen Politik und Gesellschaft mit dem nationalsozialistischen Erbe eingegangen und dessen Einwirkungen auf die einschlägige Presse, insbesondere auf die Gazetten Die Aula und der Eckartbote beleuchtet. Das Ziel dieser Arbeit ist das Herausfiltern des Demokratieverständnisses der ehemaligen NationalsozialistInnen im Nachkriegsösterreich. Ausschlaggebend dabei ist, dass das Land falsch als das „erste Opfer“ des Nationalsozialismus deklariert wurde. Das besondere Forschungsinteresse liegt darin, die Einstellungen der ArtikelverfasserInnen hinsichtlich der politischen Umstände im Nachkriegsösterreich unter Berücksichtigung der schwammigen Entnazifizierungsmaßnahmen zu identifizieren. Untersucht wurde die Zeit der (Wieder-) Erscheinung der Blätter, die Jahre 1952 (Die Aula) bzw. 1953 (Eckartbote), bis zum Jahresende 1955. Damit konnten die medialen Reaktionen auf die Ratifizierung des Österreichischen Staatsvertrages, der im Mai 1955 unterzeichnet wurde, in die Analyse miteinfließen. Ebenfalls wird dem Umstand Aufmerksamkeit geschenkt, dass sich die Lage und Akzeptanz der ehemaligen NationalsozialistInnen nach deren Amnestierungen 1947/1948 um einiges besserte, ein regelrechtes Buhlen um die WählerInnenstimmen dieser „Ehemaligen“ stattfand und dies einen großen Einfluss auf gesellschaftliche und politische Bereiche in Österreich hatte.

Rezensionen 3/2015

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Hauptwerke. Herausgegeben von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2015, ges. 3.432 Seiten
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Briefe von und an Hegel. Herausgegeben von Johannes Hoffmeister und Friedhelm Nicolin. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2015, ges. 2.204 Seiten.
– rezensiert von Thomas Ballhausen, Wien

Anton Holzer: Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus. Wien: Primus Verlag 2015, 496 Seiten.
– rezensiert von Margarethe Szeless, Wien

Jan-Hinrik Schmidt: Social Media. Wiesbaden: Springer VS (= Medienwissen kompakt) 2013, 102 Seiten.
– rezensiert von Irmgard Wetzstein, Wien