Niklas Venema: Auslandskorrespondenten in drei politischen Systemen (1914-1939)

Abstract
Die Entwicklung der Berufsrolle des/der AuslandskorrespondentIn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insbesondere ihre Struktur sind nach wie vor zu erforschende Felder. Rahmenbedingungen dafür sind die Ökonomisierung der Presse, die Professionalisierung des Journalismus sowie die Internationalisierung und gleichzeitige Nationalisierung öffentlicher Kommunikation. Hinsichtlich dieser zentralen Dimensionen werden die Gruppen der KorrespondentInnen in Deutschland sowie der deutschen AuslandsberichterstatterInnen in drei Phasen untersucht: während des Ersten Weltkrieges, in der Weimarer Republik und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Dazu dient eine sekundärstatistische Erhebung und Auswertung berufs- und zeitungsstatistischer Daten zeitgenössischer Pressehandbücher, die auf Veränderungen angesichts des Wandels des politischen Systems untersucht werden. Die Ergebnisse werden mit einer qualitativen Untersuchung der Deutschen Presse, dem Organ des Reichsverbandes der deutschen Presse, eingeordnet. So wird gezeigt, dass trotz des komplexen gesellschaftlichen Wandels und der externen Rahmenbedingungen die Strukturen der Berufsrolle und des internationalen Nachrichtenflusses relativ stabil blieben.

Thomas Birkner & Valerie Hase: Framing German and global politics over three decades A quantitative content analysis of the journalistic work of Helmut Schmidt

Abstract
The former German Chancellor Helmut Schmidt (1918-2015) continued his political work as a publicist at the country’s most influential weekly Die Zeit. Using a content analysis and a subsequent cluster analysis, we apply quantitative methods to discover how Schmidt framed German and global politics in the historic context of the last three decades. The paper’s aim is to show the value of frame analysis for communication history research and to reveal frame dynamics and statics over time. Our findings illustrate Schmidt’s historically grown view on economic and political developments, which he promoted in his new office. Especially his successor Helmut Kohl (1930-2017) is often criticized and treated as a cause for many political problems, particularly in the 1990s. However, Schmidt’s journalistic work is not only influenced by his own political biography, but also by the historic context of his time, such as the German reunification. Overall, Schmidt’s journalistic work is shaped by a) his political dispositions and b) the journalistic routines he adapted to at Die Zeit.

Silke Fürst: Die Etablierung des Internets als Self-Fulfilling Prophecy? Zur Rolle der öffentlichen Kommunikation bei der Diffusion neuer Medien

Abstract
Medienhistorische Arbeiten legen meist dar, dass das Aufkommen neuer Medien von euphorischen und pessimistischen Stimmen begleitet wird. Die öffentliche Kommunikation über neue Medien wird dabei aber kaum herausgearbeitet. Zugleich haben sich Mediengeschichte, Diffusionstheorie sowie empirische Forschung zur Mediennutzung und -aneignung bisher kaum gegenseitig befruchtet. Dieser Beitrag zielt am Beispiel der Diffusion des Internets auf eine Verbindung dieser verschiedenen Forschungsbereiche. Gezeigt wird, wie die Verbreitung des Internets in der öffentlichen Kommunikation bereits rhetorisch vorweggenommen wurde. Auf Basis zweifelhafter und interessengeleiteter Schätzungen verbreiteten journalistische, politische und wirtschaftliche AkteurInnen Aussagen und Zahlen zur gegenwärtigen und zukünftigen Nutzung und Ausbreitung des Internets. Potenzielle NutzerInnen konnten durch diese Berichterstattung Vorstellungen einer stark wachsenden Onlinegemeinschaft und unaufhaltsamen gesellschaftlichen Entwicklung gewinnen, die sie selbst unter Zugzwang setzten. Die zusammengeführten Erkenntnisse ermöglichen eine kritische Diskussion und Erweiterung der Diffusionstheorie und vertiefen das historische Verständnis für die Etablierung neuer Medien.

Tobias Rohrbach, Franziska Oehmer & Philomen Schönhagen: Ein integratives Modell zur Analyse von Fachidentität in der Kommunikationswissenschaft Theoretische Entwicklung und eine Fallstudie zu 50 Jahren Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Fribourg

Abstract
Die kommunikationswissenschaftliche Beschäftigung mit Fachidentität hat in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen. Während sozialwissenschaftlich-empirische Studien vor allem aktuelle Fachinhalte mit Blick auf die verwendeten Theorien, Methoden und Gegenstände betrachten, befassen sich Beiträge aus einer fachhistorischen Perspektive verstärkt mit der institutionellen, personellen und kognitiven Entwicklung. Allerdings mangelt es gegenwärtig an theoretischen und empirischen Berührungspunkten zwischen diesen beiden Perspektiven. Dieser Beitrag schlägt ein integratives Modell zur Analyse von Fachidentität vor, welches bisherige Erkenntnisse aus der sozialwissenschaftlich-empirischen und der fachhistorischen Forschungsperspektive miteinander verknüpft und eine ganzheitliche Analyse von Fachidentität ermöglichen soll. Das Modell wird anschließend im Rahmen einer Fallstudie zum 50-jährigen Bestehen des Departements für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Fribourg (Schweiz) exemplarisch angewandt.

Julia Pohle: Information for All? The emergence of UNESCO’s policy discourse on the information society (1990-2003)

Abstract
Der kurze Präsentationstext stellt die Dissertation Information for All? The emergence of UNESCO’s policy discourse on the Information Society (1990-2003), die mit dem Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2017 der DGPuK ausgezeichnet wurde, in Grundzügen vor. Die Dissertation besteht aus einer umfassenden Analyse der politischen Reaktion der UNESCO auf die Verbreitung des Internets als Massenmedium in den 1990er Jahren und dem damit verbundenen Konzept der „Informationsgesellschaft“. Die kommunikationshistorische Relevanz der Arbeit ergibt sich jedoch nicht nur aus der empirischen Untersuchung, sondern ebenfalls aus der Entwicklung eines konzeptionell-methodischen Analyserahmens, der die übliche teleologische Untersuchungsperspektive der Policy-Analyse durch die historische Rekonstruktion von Policy-Prozessen ersetzt. Durch diese Fokussierung auf den Entstehungsprozess des Policy-Diskurses der UNESCO zur Informationsgesellschaft versucht die Arbeit einen innovativen Beitrag zu den theoretischen und empirischen Grundlagen der historischen Policy-Forschung in den Kommunikations- und anderen Sozialwissenschaften zu leisten.

Julia Lönnendonker: Europäische Identität Methodisches Vorgehen einer historisch vergleichenden Diskursanalyse europäischer Identität

Abstract
Der Beitrag beschreibt historisch-vergleichend die Konstruktionen europäischer Identität anhand der Debatte um einen möglichen Beitritt der Türkei zur EWG/EG/EU seit 1959. Es wird untersucht, mit welchen Charakteristika die Gemeinschaft der EuropäerInnen im Diskurs beschrieben wird, wie ihre Grenzen definiert werden und wer als ihr potentielles Mitglied angesehen wird. Der Fokus des Artikels liegt auf der Beschreibung des empirischen Zugangs. Es wird ein Forschungsdesign für eine wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA) der medialen Öffentlichkeit beschrieben, mit dem sich auch die Dynamiken der historischen Entwicklung und der Ausdifferenzierung der Identitätskonstruktionen zeigen lassen. Es werden zudem die Vor- und Nachteile der WDA Perspektive im Vergleich zu rein inhaltsanalytischen Verfahren diskutiert.

Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949-63)

Abstract
Remakes sind ein typisches Phänomen im Publikumskino der Adenauer-Zeit, wurden aber in der filmhistorischen Forschung bis dato eher erwähnt als untersucht. Der Beitrag stellt die erste Dissertation über Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949–63) in Bezug auf die theoretischen Ausgangspunkte, den analytischen Aufbau und ausgewählte Ergebnisse vor.
Die Remakeproduktion der 1950er Jahre basierte zum Großteil auf Stoffen und Drehbüchern, die bereits in der NS-Zeit verfilmt worden waren. Einerseits besteht dadurch eine direkte Verbindung zur Populärkultur im Nationalsozialismus, andererseits handelt es sich um Neuverfilmungen, also neue Inszenierungen der alten Filme. So bewegen sich die Remakes im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Veränderung, das es analytisch zu fassen galt. Die Studie erscheint im August 2017 unter dem Titel Wiedersehen im Wirtschaftswunder bei Vandenhoeck & Ruprecht unipress.

Editorial 1/2017 Marion Krammer, Margarethe Szeless & Fritz Hausjell

Diese Ausgabe von medien & zeit stellt Ergebnisse des Forschungsprojektes War of Pictures. Press Photography in Austria 1945-1955 vor. Das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Förderung (FWF) geförderte Projekt wird von den Autorinnen dieses Heftes unter der Leitung von Fritz Hausjell seit 2014 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften durchgeführt.

Das Projekt befasst sich mit drei forschungsleitenden Fragestellungen: zum einen werden die im ersten Nachkriegsjahrzehnt tätigen österreichischen PressefotografInnen erhoben. Dafür wurde eine Datenbank mit Biografien von über 200 PressefotografInnen erarbeitet. In ihrer Dissertation beschäftigt sich Marion Krammer mit dieser längst vergessenen Generation an PressefotografInnen und erarbeitet eine „Kollektivbiografie“ des Fotoreporters der Nachkriegszeit. Im Fokus ihrer Untersuchung stehen Fragen nach sozialen Milieus, Ausbildungs- und Berufsstationen, Arbeitsbedingungen, Karrieremustern, Verhalten und Handeln der AkteurInnen innerhalb der Organisationen sowie Fragen zu Arbeits- und Gestaltungsweisen, Interpretationen und Sichtweisen zum Berufsbild wie zum Selbstverständnis von Fotojournalismus. Besonderes Augenmerk legt Marion Krammer dabei auf die im Kontext des Wiederaufbaus oftmals postulierte These der „Stunde Null“.
Die zweite Forschungsfrage beschäftigt sich mit Bildpropaganda in den österreichischen Nachkriegsillustrierten. Anhand von thematischen Clustern und qualitativen Bildanalysen soll der „Kampf der Bilder“ im Kalten Krieg beschrieben werden.
Der dritte Schwerpunkt des Forschungsprojektes, dessen Ergebnisse in diesem Heft präsentiert werden, ist den Bilderdiensten und der Bildpolitik der alliierten Besatzungsmächte gewidmet. Die Erforschung der Bilderdienste stützt sich auf umfassendes Archivmaterial aus den Besatzungsarchiven aller vier Siegermächte. Die Auswertung dieser Archivalien erlaubt erstmals einen Blick in die Organisationsstruktur der alliierten Bilderdienste: Wer waren die zuständigen Stellen für Bildpropaganda? Woher bezogen die Bilderdienste ihre Pressefotos? Welche österreichischen PressefotografInnen waren für die allierten Bilderdienste tätig? So lauten einige der Grundfragen, die in diesem Heft beantwortet werden. Weiterlesen

Marion Krammer & Margarethe Szeless: „Let’s hit the reorientation line every time we can!“ Amerikanische Bildpolitik in Österreich am Beispiel der Pictorial Section

Abstract
Der Aufsatz beleuchtet anhand amerikanischer Akten aus den National Archives and Records Administration (NARA) in Washington die Entwicklung, Reichweite und Bedeutung des amerikanischen Bilderdienstes (Pictorial Section) in Österreich während der Besatzungszeit. Besondere Beachtung finden die beiden Leiter des Bilderdienstes, die Fotografen Howard R. Hollem und Yoichi R. Okamoto. Unter Okamoto, der zahlreiche österreichische Fotografen einstellte und schulte, entwickelt sich die Pictorial Section zur Keimzelle des modernen Bildjournalismus in Österreich. Darüber hinaus war die Tageszeitung Wiener Kurier als amerikanisches Leitmedium im Nachkriegsösterreich mit seiner ab 1948 wöchentlich erscheinenden Bilderbeilage prägend für die österreichische Bildkultur. Gleichzeitig erfüllten die stark nachgefragten und unentgeltlich verteilten Fotos des amerikanischen Bilderdienstes ihren propagandistischen Zweck: Sie standen im Dienste der amerikanischen Kulturoffensive und bezogen auf visueller Ebene Stellung im Kalten Krieg.

Drawing on American documents from the National Archives and Records Administration (NARA) in Washington, this article examines the development, scope, and significance of the American photographic service (Pictorial Section) in Austria during the country`s post-war occupation. Special attention is given to the heads of this section, the photographers Howard R. Hollem and Yoichi R. Okamoto. Under Okamoto, who employed and trained many Austrian press photographers, the Pictorial Section fostered modern photojournalism in Austria. Furthermore, the daily newspaper Wiener Kurier, owned and edited by the American occupational forces, shaped post-war Austrian visual culture with its weekly pictorial supplement. At the same time, the highly requested photos of the Pictorial Section that were distributed free of charge served their propagandistic purpose: They helped accomplish America`s cultural mission in Austria and on a visual level took a firm stand in the Cold War.