Editorial 3/2017 Gaby Falböck, Julia Himmelsbach & Thomas Ballhausen

„Hundert Jahre Zweisamkeit“ – Liebeskommunikation und Liminalität seit 1918 – die vorliegende Ausgabe von medien & zeit versammelt Beiträge zu einer Facette des, wenngleich schwer zu fassenden und doch vielbeforschten Themas „Liebe“, die in bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen zumeist kaum berücksichtigt wurden: Im Fokus stehen die Phasen der Annäherung, des Übergangs, der Veränderungen in Liebesbeziehungen und die medial vermittelte Darstellung dieser Transgressionen sowie der Rolle, die Medien bei der Rahmung dieses Prozesses spielen. Weiterlesen

Gerd Hallenberg: Zu mir, zu dir oder ins Fernsehen? Beziehungsarbeit als Gegenstand nonfiktionaler Fernsehunterhaltung

Abstract
Liebeskommunikation war immer schon ein zentrales Element fiktionaler Unterhaltungsangebote aller Medien, aber für nonfiktionales Fernsehen nicht so einfach zu verwenden. Dieser Beitrag behandelt den Umgang mit dem Thema in nonfiktionalen Fernsehsendungen in Deutschland, Geschichte und Entwicklung des Programmsegments, Einflüsse und Kontexte. Welche Rolle spielten sozialer, kultureller und medialer Wandel, welche Genres wurden wann verwendet? In den Anfangsjahren waren es Spielshows, in denen mehr oder weniger humorvoll „getestet“ wurde, wie gut ein Paar zusammenpasste. Kennenlernshows, in den USA seit den 1940er-Jahren ein beliebtes Subgenre, kamen relativ spät nach Deutschland – erst 1987 gab es eine deutsche Version des amerikanischen The Dating Game. In den folgenden Jahren wurden die Konsequenzen der Einführung kommerzieller Fernsehsender deutlich sichtbar – die Zahl der Sender wuchs beständig, aus ZuschauerInnen wurden „KundInnen“ und der ZuschauerInnenalltag zum zentralen Programmgegenstand. Liebeskommunikation wurde zu einem in unterschiedlichsten Genres und Formaten aufgegriffenen Sujet – was auch darauf hinweist, wie prekär das Konzept der romantischen Liebe heute geworden ist.

Kristina Flieger & Christoph Jacke: Perspektiven auf Popmusik und Liebe(sbeziehungen) Ein systematischer Themenaufriss

Abstract
Popmusik bietet auf diversen Ebenen die Möglichkeit der künstlerischen Auseinandersetzung mit den im Feld der Liebe gemachten Erfahrungen – seien es positive oder negative. Popmusik spiegelt damit das (aktuelle) Verständnis von dem, was als Liebe angesehen wird. Popmusik ist Seismograph für gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen. Doch wie geht es dann mit dem popmusikalischen Stück weiter auf der Seite der Rezipierenden? Wie beeinflussen „Liebeslieder“ Popmusikrezeptionen, Individuen und Gruppen? Wie beeinflusst Pop ganz konkret Liebende? Welche Funktionen kann populäre Musik innerhalb von Beziehungsystemen haben? Und was passiert, wenn wir auf unkonventionellere Formen des Beziehungssystems treffen, und zwar jene zwischen Fans und Stars?
Der Beitrag skizziert die aktuelle Forschung hinsichtlich des Feldes „Popmusik und Liebe“. Die Autoren wollen einen Systematisierungsvorschlag machen und gehen dabei folgendermaßen vor: Von der Definition der zentralen Begriffe „Liebe“ und „Popmusik“ ausgehend erörtern die Autoren die möglichen Funktionen von Musik in romantischen Beziehungen und die Bedeutung von Musik in sexuellen Kontexten, um schließlich das Beziehungssystem Star-Fan kritisch zu betrachten.

„Man nutzt den öffentlichen Raum als Multiplikator oder Katalysator“ Liebe in der Stadt. Ein Stadtgespräch

DiskutantInnen:
Maximilian Brustbauer, Erik Meinharter & Lisa B. Wachberger
Moderation und Vorbereitung:
Thomas Ballhausen, Gaby Falböck & Julia Himmelsbach

Bei der Verhandlung des ebenso reizvollen wie herausfordernden Themenkomplexes der Liebeskommunikation hat es sich angeboten, auf die Textsorte des Gesprächs zurückzugreifen, um eine Vielzahl relevanter Aspekte unter einem Schwerpunkt zu bündeln: Wie schreiben sich die medialen Optionen der Liebeskommunikation in den öffentlichen Raum ein? Welche Räume werden von den Liebenden in ihrem Austausch (temporär oder auch dauerhaft) genutzt und umfunktioniert? Welche historischen Traditionen lassen sich aufzeigen? Welche technologischen Neuerungen beeinflussen Verhaltensweisen, Erfahrungen und Wahrnehmungsmuster? Die Schwerpunktredaktion lud mit Maximilian Brustbauer (Chefredakteur des Magazins stadtform), Erik Meinharter (Mitbegründer und Redakteur von derive – Zeitschrift für Stadtforschung) und Lisa B. Wachberger (Herausgeberin des Magazins stadtform) ausgewiesene ExpertInnen zu einem Austausch über die einfachste und schwierigste Form der Kommunikation.

Lioba Schlösser: Liminalität und Grenzüberschreitungen im zeitgenössischen Spielfilm Liebe als transgressives Moment

Abstract
Der Aufsatz befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Liminalität und Transgression innerhalb filmischer Darstellungen von Liebe. Alle Thesen werden beispielhaft an den Filmen To Die Like A Man (Nora, Sigalho & Rodrigues 2009), Liebe (Arndt, Heiduschka, Katz, Ménégoz & Haneke 2012), The Danish Girl (Bevan, Fellner, Harrison, Hooper, Mutrux, & Hooper 2015) und Love (Chioua, Maraval, Noé, Sant’Anna, Teixeira, Weil & Noé 2015) verdeutlicht. Das Analysematerial ist thematisch gewählt, sodass zu betrachtende Aspekte gut sichtbar und nachvollziehbar sind. Es beschränkt sich auf zeitgenössisches Material, ab 2009, um Anschluss an aktuelle filmtheoretische Diskurse gewährleisten zu können.
Die Analysen gehen von der Beobachtung aus, dass liminale Momente innerhalb von Liebesbeziehungen Ereignisse einleiten können, die gesellschaftliche Verbote und soziale Tabus in ihrer Vollendung überschreiten und somit, im Sinne Batailles (1994), transgressive Übergänge begründen. Transgression findet ihre Motivation innerhalb des Exzesses der Liebe. Liebe kann somit als mimetisches – und nach Turner/van Gennep (1989; 2003; 2009/1999) rituelles – Muster innerhalb filmischer Realitäten wiedererkannt werden.

Bianca Burger: Von Erregungskurven und Phallusgötzen Eheratgeber und ihre Strategien der Wissensvermittlung in den 1920er-Jahren am Beispiel Theodoor Hendrik van de Velde und Sofie Lazarsfeld

Abstract
Im folgenden Beitrag stehen zum einen die Eheratgeber Die vollkommene Ehe von Theodoor Hendrik van de Velde und Wie die Frau den Mann erlebt von Sofie Lazarsfeld im Fokus. Gerade in der Zwischenkriegszeit boomte die Sachbuchliteratur und die aufkommenden Ehe- und Sexualratgeber ermöglichten in einer Zeit der Liberalisierung einen öffentlichen Diskurs über Sexualität, die trotz allem ausschließlich im Rahmen der Ehe gelebt werden durfte. An Hand dieser beiden Druckwerke aus der Zwischenkriegszeit wird unter anderem die Frage erläutert, warum das Thema der Reproduktion in dieser Zeit von Seiten der Politik aber auch der Gesellschaft besondere Beachtung erfuhr was sich an der Verbreitung der biologischen und psychologischen Ehehygiene verdeutlicht. Anschließend werden die Eheratgeber einer diskursanalytischen Fragestellung unterzogen: welche Themen werden in welcher diskursiven Rahmung wie verhandelt, welche Geschlechterrollen werden in den Ratgebern präsentiert und wie sollte bzw. konnte die Ehe nach Meinung des Verfassers bzw. der Verfasserin verbessert werden. Während Lazarsfeld einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte und auch den Lebensumständen vor allem der Frauen vor und während der Ehe Beachtung schenkt und bereits in der richtigen Erziehung der Kinder die Grundlagen sieht, fokussiert sich van de Velde vorwiegend auf die Ehe.

Editorial 2/2017 Diotima Bertel, Erik Koenen, Mike Meißner, Patrick Merziger & Bernd Semrad

Die vorliegende Ausgabe von medien & zeit führt ein neues Heftformat – ein thematisch offenes Heft – ein und verzichtet auf ein Schwerpunktthema. Damit wollen wir ein Forum für aktuelle kommunikations- und medienhistorische Forschung etablieren. Die Möglichkeit für AutorInnen, unabhängig von längerfristig geplanten Themenheften zu publizieren, soll ein Anreiz dafür sein, sich fortgesetzt mit historischen Fragestellungen innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft auseinanderzusetzen. Um sicherzustellen, dass möglichst vielfältige und qualitativ herausragende Beiträge veröffentlicht werden, haben wir uns internationalen Standards für wissenschaftliches Publizieren (double-blind peer review) verpflichtet. Zusätzlich laden wir eine/n GastherausgeberIn ein – für dieses Heft Patrick Merziger –, der/die jährlich wechseln wird. Das Ziel ist es, dieses neu eingeführte Heftformat zu verstetigen und zukünftig einmal pro Jahrgang ein offenes Forum für kommunikations- und medienhistorische Forschung anzubieten. Das „Offene Heft“ bereichert daher die thematische Vielfalt wie auch die Struktur von medien & zeit, indem neben den von HerausgeberInnen geplanten und strukturierten Themenheften auch ein aktuelles Abbild der historischen Kommunikations- und Medienforschung ermöglicht wird, da hier allen Themen – die sonst wegen fehlenden Bezugs zu den geplanten Themenheften nicht berücksichtigt werden würden – die Chance zur Veröffentlichung gegeben wird. Weiterlesen

Hendrik Michael: Konstitution und Synthese der Reportage in der Lokalberichterstattung der New Yorker Massenpresse vor dem Bürgerkrieg Ein Beitrag zur historischen Genreforschung

Abstract
Im Schlaglicht der gegenwärtigen Hybridisierung journalistischer Genres kann historische Genreforschung versuchen, Neukonstitutionen, Erneuerungen und Synthesen innerhalb des Journalismus nicht als epochalen Bruch, womöglich gar als Auflösungserscheinung, zu deuten, sondern Kontinuitäten aufzuzeigen und Orientierungspunkte anzubieten. An dieser Stelle soll ein Beitrag zur Geschichte der Reportage stehen, der, ergänzend zum gängigen Diktum, Methoden und Gegenstand der Reportage im Augenzeugen- und Reisebericht zu verorten, deren Genese und Ausdifferenzierung dezidiert im publizistischen Kontext der amerikanischen Massenpresse vor dem Bürgerkrieg untersucht. Anhand der Lokalberichterstattung der New York Tribune in den 1840er Jahren wird gezeigt, dass journalistische Genres grundsätzlich als textuelle Vermittlungsroutinen an journalistische Arbeitsprozesse gekoppelt sind, die sich in spezifischen Verfahrensweisen und Darstellungsformen niederschlagen.