Wolfgang Duchkowitsch: Auf zum Widerstand? Zur Gegenöffentlichkeit in Österreich vor 1848

Vorwort: Gesetze, Verfügungen und Entscheidungen, die geschaffen worden sind, um öffentliche sowie private Kommunikationsverhältnisse zu regeln (in welcher Hinsicht und mit welchem Resultat auch immer), geben zumeist die Beschaffenheit (und Befindlichkeit) gesellschaftlicher Verhältnisse normativ wieder. Damit ist nicht gesagt, dass solche Normen stets mit den Interessen aller Medienproduzenten harmonisiert oder den Beifall aller Rezipientlnnen gefunden haben. Die politischen Rahmenbedingungen der gesellschaftlichen Kommunikation und ihrer (Mas- sen-)Medien sind daher nicht nur von der Verfas- stheit eines gesellschaftlichen Systems – hier des Absolutismus in seiner unterschiedlichen Präsentation – aus zu betrachten und zu erklären. Ihre Wirksamkeit ist auch von der an den Tag gelegten, vorauseilenden bis lediglich gerade noch vollzogenen Willfährigkeit von Medieneigentümern sowie diesen unterstellten Journalisten oder von anderen Publizisten aus zu erfassen. Externe und interne Indikatoren ließen sich insbesondere für das Handeln von Medieneigentümern relativ leicht bilden. Eine umfassende Analyse ihres Handelns wäre dennoch in mehrere Hände zu legen – ein Projekt für die Zukunft, ein Anliegen für Diplomandlnnen, die sich der Zugkraft „gängiger“ Themen verschließen, nicht aber Interessen der Neueren Geschichtswissenschaft.

Vorleistung für ein derartiges Projekt müsste sein, die Aktivitäten von Kräften der Gegenöffentlichkeit während der Ära des Absolutismus nach Erkenntnisinteressen der Kommunikationswissenschaft im Verbund mit „benachbarten“ Fächern zu erfassen und zu analysieren, nicht zuletzt mit der über die „alte“ Volkskunde hinausgewachsenen Ethnologie. Das Argument für eine solche Vorleistung erscheint simpel genug. Aktivitäten der Gegenöffentlichkeit, wann auch immer sie in der Epoche des Absolutismus geschaffen wurden und wie auch immer sie materiell beschaffen waren, zeigen den Niederschlag von politischen Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Kommunikation und ihrer (Massen-)Medien deutlicher auf als die unter Aufsicht der Zensur produzierten Zeitungen und Zeitschriften. Erstere affirmierten bestehende Verhältnisse, letztere nicht immer. Kräfte der Gegenöffentlichkeit, in den Peripheriezonen herrschender Gesellschaft artikuliert, sei es in der Stadt oder auf dem Land, stellen mit ihren Mitteln dagegen zumeist ein Ferment für zukünftige Funktionsleistungen von (Massen-)Medien dar. In ihren verborgen produzierten oder dem unmittelbaren Regierungszugriff entzogenen, heimlich oder öffentlich verbreiteten, für denkensgleiche und „denkanfällige“ Publika konzipierten Aussagen und Meldungen, bergen sie häufig Zündstoff für die „barocke“ oder für die „Glückseligkeit und Wohlfahrt des Staates“ versprechende Welt der weltlichen Herrschaft, die in Österreich, aber nicht nur hierzulande, den Untertanen jedes Recht auf Selbstgestaltung ihrer Lebensbereiche und Lebensäußerungen prinzipiell vorenthielt. Erst recht für die mehr als dreißig Jahre lang währende Kanzlerschaft des Fürsten Metternich (1815-1848), die wegen der konsequent betriebenen Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit sowie des europaweit ausgebauten Spitzelsystems als Schreckensherrschaft gilt.

Ist deshalb aber schon alles als Ausdruck von Gegenöffentlichkeit zu begreifen, was in Österreich vor Ausbruch der 1848er Revolution trotz einmaligen Verbots oder mehrmaligen Untersagens auf den Marktplatz gesellschaftlicher Kommunikation gekommen ist? Eine auskömmliche Beantwortung dieser Frage auf Basis der Forschungsliteratur fällt schwer. Die Literatur älteren Datums basiert auf Quellen, löste sich von diesen aber nicht. Sie erbrachte Herrschaftsgeschichte. Dissertationen, die sich auf einzelne oder mehrere Verbotsaktionen der Obrigkeit bezogen, waren bis in die späten 70er Jahre hinein ähnlich gestaltet. Anders verhält es sich mit Arbeiten neueren Datums. Sie konzentrieren sich v.a. auf die Analyse von Intentionen und Manifestationen jakobinischer Publizistik sowie Spezifika der Gegenöffentlichkeit im Vormärz. Haben sie mit der früheren Literatur auch nichts mehr gemein, liefern ihre Resultate Einsicht in verschiedene Formen der Gegenöffentlichkeit. Die Zeit davor erscheint jedoch als „Stiefkind“ moderner Forschung. Ihr gilt das primäre Interesse des folgenden Beitrags, zumal Walter Grab die publizistischen Aktivitäten der Wiener Jakobiner ausführlich beschrieben hat. Im ersten Teil geht es vornehmlich um „Zeitungssinger“ und „Liederweiber“, im zweiten um „Geschriebene Zeitungen“ und im dritten um österreichische Exilanten sowie um das Gedicht als Mittel von Gegenöffentlichkeit…

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