Geheimnisse. Motive, Strategien und Funktionen exklusiver Kommunikation

Autor: Joachim Westerbarkey

Abstract: Eine unvermeidliche Begleiterscheinung von Öffentlichkeit ist Nichtöffentlichkeit, denn jede Öffentlichkeit schließt zugleich ein und aus, weil Kommunikation selektiv ist. Nichtöffentlichkeit resultiert außerdem aus alltäglichen Kommunikationsbarrieren und aus gezielter Geheimhaltung, also der Weigerung, anderen etwas mitzuteilen. Wird auch Geheimhaltung geheim gehalten, handelt es sich um reflexive Geheimhaltung, bei der die Absicht schwer nachzuweisen ist, und werden andere ins Vertrauen gezogen, entsteht ein kollektives Geheimnis bzw. eine diskrete Öffentlichkeit.
Motive und Funktionen von Geheimhaltung sind ebenso ambivalent wie ihre Bewertung: Eigene Geheimnisse werden gewöhnlich positiv bewertet, fremde eher negativ. Kommunikativ werden Geheimnisse gern durch Täuschungen, Lügen, Ablenkung oder verbales Verwirrspiel geschützt und sie sind ein wichtiges Mittel zur Gewinnung von Macht, weil sie die eigene Berechenbarkeit erschweren. Deshalb werden z.T. beträchtliche Ressourcen darauf verwendet, eigene Geheimnisse zu sichern und fremde in Erfahrung zu bringen, und Experten werden damit beauftragt, Geheimhaltung gesellschaftlich akzeptabel zu machen. Dies geschieht u.a. durch wohldosierte Öffentlichkeitsarbeit, denn die Medien sind unverzichtbar, wenn man allgemeine Zustimmung braucht.
In Zeiten technischer Überwachungssysteme und extensiver Sammlung und Verwertung persönlicher Daten wird die Legitimität von Geheimnissen freilich fragwürdig, zumal solche Praktiken häufig nicht bemerkt werden oder unklar bleibt, wer dahinter steckt. Damit erreichen Geheimnisse in der digitalen Welt eine neue gesellschaftliche Brisanz.

Geheim, verdrängt, unbekannt. Lücken von Öffentlichkeit: Worüber Medien gern schweigen – und warum sie das tun

Autor: Horst Pöttker

Abstract: Das Geheimnis wird bereits von Georg Simmel 1908 als ethisch und funktional ambivalent gedeutet:
Einerseits unentbehrlich für soziale Beziehungen und kulturelle Entwicklung, steht es andererseits individueller Selbstbestimmung und demokratischer Selbstregulierung von Gesellschaften entgegen. Diese zweite, problematische Seite des verborgen Bleibenden wird aus der Perspektive des Journalistenberufs und der ihn unterstützenden Journalistik analysiert. Zentrale Gesichtspunkte sind die Aufgabe, zutreffend und umfassend Öffentlichkeit herzustellen, und die journalistische Grundpflicht zum Publizieren. Aus dieser Perspektive werden sieben Gründe für Lücken von Öffentlichkeit analysiert: Druck von außen (z. B. Zensur), kulturelle Tabus, professionelle Routinen (z. B. Nachrichtenfaktoren), erzieherisches Selbstverständnis, Verstopfung von Kommunikationskanälen mit „junk news“ und die Selbstgenese des (Ver-)Schweigens. Am Ende werden Rechercheförderung und Initiativen, die auf medial vernachlässigte Themen hinweisen, als Möglichkeiten erwogen, um Lücken von Öffentlichkeit zu schließen.

„Geheimnis gibt es im Archiv immer, weil vieles im Auge des Betrachters liegt“

Eine Debatte zum Thema Archive, Kommunikationsbarrieren und Geheimnisse zwischen Thomas Ballhausen (Filmarchiv Austria), Gabriele Fröschl (Österreichische Mediathek), Rudolf Jerábek (Archiv der Republik) und Kurt Schmutzer (ORF-Archiv).

Moderation: Fritz Hausjell (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien).

Diskussion 2:2014

Gute Nachrichten für die SED. Medienlenkung in der DDR als politische Öffentlichkeitsarbeit

Autorin: Anke Fiedler

Abstract: In diesem Aufsatz geht es um ein Thema, das eigentlich schon längst beforscht erschien: die Medienlenkung in der DDR. Bis auf Propagandatheorien und Lenins Formel vom „kollektiven Propagandisten, Agitator und Organisator“ bietet die Literatur bis dato allerdings wenig
Erklärungsansätze, wie Anleitung und Kontrolle der DDR-Medien funktioniert haben und wie sich diese vor allem veränderten. Mit einem theoretischen Ansatz aus dem Bereich der Public Relations soll daher ein neuer Blick auf das Medienlenkungsgefüge der DDR gerichtet werden. Die Untersuchung wird dabei von der These geleitet, dass weniger ideologische Maxime die tägliche Lenkung und Kontrolle der Medien beeinflusst haben als vielmehr die aktuellen Inter-essen der DDR-Führung. Entscheidend war in erster Linie, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangte, was diesen Interessen schaden und dem Westen Munition liefern konnte. Vor dem Hintergrund der politischen Großwetterlage wandelten sich nicht nur die Interessen der SED, sondern entsprechend auch der Lenkungsapparat und die Lenkungspraxis.

Anke Fiedler wurde für Ihre Dissertation 2014 mit dem erstmals vergebenen Nachwuchsförderpreis der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK ausgezeichnet. Dieser Aufsatz stellt die Arbeit und ihre zentralen Befunde vor.

Rezensionen 2/2014

Tanja Carstensen & Christina Schachtner & Heidi Schelhowe & Raphael Beer (Hg.): Digitale Subjekte. Praktiken der Subjektivierung im Medienumbruch der Gegenwart. Bielefeld, transcript Verlag 2014, 300 Seiten.
– rezensiert von Erik Bauer, Wien

Iwan-Michelangelo D ’Aprile: Die Erfindung der Zeitgeschichte. Geschichtsschreibung und Journalismus zwischen Aufklärung und Vormärz. Mit einer Edition von 93 Briefen von Friedrich Buchholz an Johann Georg Cotta 1805-1833. Berlin, Akademie Verlag 2013, 438 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

Monika Dommann: Autoren und Apparate. Die Geschichte des Copyrights im Medienwandel. Frankfurt am Main, S. Fischer 2014, 427 Seiten.
– rezensiert von Jan Krone

Ursula Reutner (Hg.): Von der digitalen zur interkulturellen Revolution. Baden-Baden: Nomos 2012, 499 Seiten.
– rezensiert von Barbara Metzler

Michel Foucault: Schriften zur Medientheorie. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Bernhard J. Dotzler. Berlin: Suhrkamp 2013, 334 Seiten.
– rezensiert von Christoph Jacke

 

 

Corporate Citizenship. Theoretische Reflexionen, begriffliche Definitionen und warum – richtig angewandt – CSR als Konzept der Vertrauenskommunikation zu mehr Glaubwürdigkeit von Organisationen beitragen kann

Autor: Wolfgang Lamprecht

Abstract: Die globalen Krisen seit dem Jahr 2008 haben vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Umbrüche eines sehr deutlich werden lassen: Das Vertrauen der Menschen in Wirtschaft und Politik ist signifikant gesunken. Die Wiedererlangung von Vertrauen gilt daher als oberste Prämisse für ein sozial ausgeglichenes Gesellschaftssystem, für die Überwindung der Krise und nachhaltige Stabilität. Damit steht Unternehmenskommunikation vor einer strategischen Herausforderung: Reputation und Image müssen wiederhergestellt werden. Konsequenterweise gilt die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung – Glaubwürdigkeit vorausgesetzt – dabei als konstituierender Faktor für Vertrauen. Ethische Kommunikation ist daher das Gebot der Stunde, Corporate Citizenship (CC) ein diskutiertes Modell, Corporate Social Responsibility (CSR) ein wiederentdecktes Konzept. Allerdings fehlen für die Umsetzung anwenderbezogene Anleitungen, im Wirrwarr um Begriffe und Befindlichkeiten droht die Idee bereits im Ansatz zu scheitern.

Compliance – der Rohstoff von Corporate Social Responsibility

Autorin: Monika Roth

Abstract: Compliance ist nicht nur eine wichtige Eigenschaft von Corporate Social Responsibility (CSR), sondern Voraussetzung dieses Verständnisses von gesellschaftlicher Verantwortung der Unternehmen. Ohne Compliance als umfassendes Verhaltenskonzept ist CSR lediglich Reputationsmanagement ohne tieferen Sinn. So verstanden erhält ein Unternehmen dann eine unverdiente Reputation, weil es seine Verantwortung gar nicht wirklich wahrnimmt, sondern nur so tut.

Dieser Beitrag steht als Download zur Verfügung:
Monika Roth (2014): Compliance – der Rohstoff von Corporate Social Responsibility. In: medien&zeit, 29 (1), S. 22-33.

Wissensorte im Wandel. Paralipomena zu Corporate Social Responsibility aus der Sicht des Archivs

Autor: Thomas Ballhausen

Abstract: Im vorliegenden Text werden strategische Vorüberlegungen zum Feld der Corporate Social Responsibility (CSR) für kulturbewahrende und -vermittelnde Institutionen, die ja nicht zuletzt auch als Unternehmen definiert werden können, beschrieben. Ausgehend von Verantwortung und Vertrauen als Faktoren für abgesichertes gesamtbetriebliches Agieren in Theorie und Praxis wird hier das eigentliche unternehmerische bzw. institutionelle Verhalten als wesentliche Ergänzung eingebracht. Das synästhetische Bündelangebot CSR mit seinen Modellen und Instrumenten wird als Option gefasst, das den notwendigen Wandel von Kulturinstitutionen aktiv vorantreiben kann. Die damit einhergehenden strategischen und verantwortungsethischen Perspektiven und Zugänge werden dabei vorsätzlich aus der Sicht des Archivs als kulturfeldrelevante Institutionsform diskutiert. In der positiven Überblendung aus bewahrenden und vermittelnden Agenden erlaubt diese Wahl, die einen Akzent auf Film- und Medienarchive setzt, eine sinnvolle, reale Reflexion von arbeitszyklischen Prozessen, gesamtunternehmerischen Strategien und potentiellen Kommunikationsmodellen. Im Text werden deshalb nach einer versuchten Situationsbestimmung, archivspezifische Kontexte, Herausforderungsprofile und aktuelle Diskurse angesprochen, sowie erste morphostatische bzw. morphogenetische Vektoren dynamischer Systeme, als die sich Archive beschreiben lassen, benannt. Darauf aufbauend werden potentiell relevante Teile der CSR identifiziert und mögliche Maßnahmen und praxisorientierte Ansätze zur dauerhaften Etablierung von CSR-Elementen in der institutionellen Gesamtstrategie, der betrieblichen Struktur und der Wissensvermittlung abgeleitet.