Hervorgehoben

30 Jahre medien & zeit

von Dr. Gaby Falböck
Obfrau des Arbeitskreises für historische Kommunikationsforschung

30 Jahre medien & zeit! Geburtstage geben stets Anlass zur Rückschau und Reflexion über das vergangene Jahr. Runde Geburtstage regen meist weitreichendere Selbstbetrachtungen an: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden be- und mitunter ausgeleuchtet. Aus den Entwicklungslinien entspinnt sich ein roter Faden. Was für menschliche Existenzen gilt, zählt auch für Zeitschriftenprojekte und die dahinterstehende Herausgebergemeinschaft. Zeit also nachzudenken, Zeit medien & zeit unter die Lupe zu nehmen. Weiterlesen

Tobias Eberwein: Der “andere” Journalismus Verselbständigung und Differenzierung an der Grenze von Journalismus und Literatur

Abstract
Die Geschichte des Journalismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert wird meist als Geschichte der Modernisierung beschrieben, in deren Verlauf sich journalistische Kommunikation nach und nach von anderen gesellschaftlichen Kommunikationsformen abgrenzt und ein eigenständiges Funktionssystem herausbildet. Dabei distanziert sich Journalismus in zunehmendem Maße auch vom Literatursystem, das zwar ähnliche Wurzeln wie das System Journalismus aufweist, sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch seinerseits autonomisiert und professionalisiert. Allerdings lassen sich auch gegenläufige Entwicklungen nachweisen: Gerade Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Beispiele für einen Literarischen Journalismus, der bewusst literarische Programme der Themensammlung, -selektion und -bearbeitung in den Journalismus inkludiert, um der zeitgleich einsetzenden “Vernachrichtlichung” eine Alternative entgegenzusetzen. Der Beitrag zeichnet die Geschichte dieses “anderen” Journalismus nach – und ergänzt die Forschung zur Geschichte des medialen Berufsfeldes damit um einen kritischen Kontrapunkt.

Juliane Scholz: Der Drehbuchautor in den USA und in Deutschland im 20. Jahrhundert Zur Professionalisierung eines modernen Kreativ- und Medienberufs

Abstract
Der Beitrag beleuchtet die Berufsgeschichte der Drehbuchautoren in den USA und Deutschland im Laufe des 20. Jahrhunderts. Der Drehbuchautor gilt als moderner Kreativberuf innerhalb der weitverzweigten Medienkulturindustrie, der sich seit den 1910er-Jahren im Zuge der Ausdifferenzierung einer großbetrieblichen, arbeitsteiligen Filmindustrie herausbildete. Methodisch werden die vielfältigen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, institutionellen, professionellen und politischen Kontexte der wechselvollen Verberuflichungsgeschichte der Drehbuchautoren mithilfe eines sozial- und kulturgeschichtlich justierten Konzepts von historischer Professionalisierung eingefangen und erläutert. Herausgearbeitet und verglichen werden damit unterschiedliche Professionalisierungsstrategien sowie politische Eingriffe in den Verberuflichungsprozess der Drehbuchautoren in den beiden Vergleichsländern.

Edzard Schade: Professioneller Journalismus dank Professionenbildung auch im 21. Jahrhundert?

Abstract
Der Beitrag greift das virulente Problem der publizistischen Qualitätssicherung auf und schlägt vor, das etwas angestaubte berufssoziologische Konzept der Professionalisierung als Ansatz zur kollektiven Durchsetzung von Qualitätsnormen in der Arbeitswelt zu reaktualisieren. Am Beispiel der langfristigen Professionalisierungserfolge und Entprofessionalisierungstendenzen im schweizerischen Medienbereich werden Stärken und Grenzen des klassischen Professionalisierungskonzepts erfasst. Aus der Analyse geht hervor, wie mit der anhaltenden Ausdifferenzierung der Medienangebote, der Ökonomisierung wichtiger Marktsegmente und der Innovationsdynamik digitaler Wertschöpfungsketten zentrifugale Kräfte freigesetzt werden, die eine Professionenbildung erschweren. Die verorteten Professionalisierungsdefizite werden als Hinweise genutzt, wo und wie eine innovative und visionäre Reaktualisierung des Professionalisierungskonzepts anzusetzen hat: mit Maßnahmen (1) zur Sicherung des sozialen Kontextes für eine integrale Professionalisierung, (2) gegen Entprofessionalisierung durch Entspezialisierung, (3) zur Erhöhung der Verbindlichkeit professioneller Regeln und (4) zur Stärkung altruistischer Handlungsmotive.

Christoph Hilgert: Radio-Jugend und Gesellschaftswandel Jugenddarstellungen und Jugendsendungen im westdeutschen und britischen Hörfunk nach dem Zweiten Weltkrieg

Abstract
In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Westdeutschland und Großbritannien eine intensive, von ambivalenten Zukunftserwartungen gekennzeichnete Debatte über “Jugend” geführt. Dieser Aufsatz führt auf Basis einer Untersuchung zu den Formen, Bedingungen und Bedeutungen von Jugenddarstellungen im westdeutschen und britischen Hörfunk aus, dass Radiosendungen die damaligen Vorstellungen über Jugendliche und jugendkulturelle Entwicklungen prägten und wesentlich zur gesellschaftlichen Selbstverständigung in Zeiten des Wandels beitrugen. Dabei wurde nicht nur über Jugend gesprochen, sondern immer wieder auch mit ihr. Insbesondere Zielgruppensendungen für junge Hörer forcierten den intergenerationellen Dialog und trugen zur Verbreitung jugendkultureller Versatzstücke bei, reagierten wiederum aber auch auf die sich verändernden Erwartungen ihrer Nutzer. Medien- und Gesellschaftsentwicklung beeinflussten sich hier wechselseitig. Es wird daher für einen stärkeren interdisziplinären Austausch plädiert, um solchen medien- und kulturhistorischen Verknüpfungen nachspüren zu können.

Christoph Hilgert wurde für seine Dissertation 2015 mit dem Nachwuchsförderpreis der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK ausgezeichnet. Dieser Aufsatz stellt die Arbeit und ihre zentralen Befunde vor.

Rezensionen 1/2015

Fiedler Anke: Medienlenkung in der DDR, (= Zeithistorische Studien, Bd. 52), Köln u.a.: Böhlau 2014, 494 Seiten
– rezensiert von Christoph Lorke, Münster

Holzer Anton: Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus. Wien: Primus Verlag 2015, 496 Seiten.
– rezensiert von Margarethe Szeless, Wien

Monika Roth: Compliance – der Rohstoff von Corporate Social Responsibility. Mit einem Vorwort von Kaspar Müller. Zürich/St. Gallen: Dike Verlag 2014, 146 Seiten.
– rezensiert von Anna Palienko-Friesinger, Wien

Thomas A. Bauer: Kommunikation wissenschaftlich denken. Perspektiven einer kontextuellen Theorie gesellschaftlicher Verständigung. Wien Köln Weimar: Böhlau Verlag 2014, 375 Seiten.
– rezensiert von Erik Bauer, Wien


 

Editorial 4/2014

Journalismus, Medien und Öffentlichkeit als Beruf:
Entfesselung, Formierung, Professionalisierung des medialen Berufsfeldes

Fragestellungen und Konturen eines kommunikationshistorischen Forschungs-feldes

In dieser und der folgenden Ausgabe von medien & zeit soll der Entfesselung, Formierung und Professionalisierung des medialen Berufsfeldes nachgespürt werden, wie es sich von der zweiten Hälfte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts um die Felder Journalismus, Medien und Öffentlichkeit herausgebildet und ausgeprägt hat. Das ist grundsätzlich als Plädoyer für eine Öffnung und Weitung der kommunikationshistorischen Sicht auf die Geschichte von Kommunikation- und Medienberufen zu verstehen: hin zu einer auch historisch „integrativen Perspektive auf das Berufsfeld Medienkommunikation“ (Engels, 2002, S. 8).
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Susanne Kinnebrock, Elisabeth Klaus & Ulla Wischermann: GrenzgängerInnentum als terra incognita der KommunikatorInnenforschung? Zum Potenzial von Autobiographien für die historische Berufsfeldforschung

Abstract: Der Beitrag thematisiert den Quellenwert von Autobiographien für die historische KommunikatorInnenforschung am Beispiel von drei Journalistinnen der Nachkriegszeit. Zunächst wird die Verwendung von Autobiographien in der Kommunikationswissenschaft kritisch beleuchtet und die wichtigsten Typen und zentralen Merkmale des Genres diskutiert, dessen Texte stets als Rekonstruktionen begriffen werden müssen. Ihr zentraler Wert für die historische KommunikatorInnenforschung liegt darin, dass die journalistische Tätigkeit nicht isoliert betrachtet wird, sondern im Gesamt des Lebenszusammenhangs einer Person und in der Wechselwirkung mit anderen Tätigkeiten. Der exemplarischen Untersuchung liegt die Frage zugrunde, ob nicht ein GrenzgängerInnentum – sei es synchron als Paralleltätigkeit in verschiedenen Medienbereichen oder diachron im Lebensverlauf – für den Journalismus, jedenfalls den von Frauen, keine Ausnahme sondern die Regel war. Vorangestellt ist eine knappe Einführung in die journalistische Tätigkeit von Frauen in der Nachkriegszeit, die stark durch die (Medien-)Politik der Besatzungsmächte geprägt war. Am Beispiel von Helene Rahms, Gabriele Strecker und Elfriede Brüning werden sodann drei sehr unterschiedliche Autobiographien von drei weniger bekannten Publizistinnen diskutiert und dabei verschiedene Formen des Grenzgängerinnentums beleuchtet.

Robert Radu: Vom „Kuli der Börse“ zum Anwalt der Öffentlichkeit? Zur Professionalisierung des Finanzjournalismus in Deutschland 1850-1900

Abstract: Die 1850er-Jahre markieren eine Zäsur in der Geschichte finanzieller Kommunikation in Deutschland: An der Schnittstelle von Finanzsektor und Öffentlichkeit konstituierte sich in dieser Zeit ein neues journalistisches Feld, das fortan die gesellschaftliche Beobachtung des Börsen- und Finanzmarktgeschehens organisierte und prägte. Unter den Leitprinzipien von Aktualität und Unparteilichkeit verhieß der Finanzjournalismus eine „Demokratisierung“ finanziellen Wissens, die angesichts des Informationsgefälles auf Märkten umso attraktiver auf jene Zeitungsleser wirkte, die mit dem Aktienboom der 1830er-Jahre zu Wertpapierbesitzern geworden waren. Der Finanzjournalismus schuf einerseits neue journalistische Praktiken und Berufsrollen wie den Börsenreporter und forderte andererseits Banken und Unternehmen zur Anpassung ihrer inneren Strukturen durch Einrichtung von Pressestellen auf. Gleichzeitig jedoch bestimmten Interessenverschränkungen lange die Beziehungen zwischen Presse und Finanzwelt. Erst nach mehreren Korruptionsskandalen im Journalismus setzten sich um 1900 beiderseits anerkannte Standes- und Verhaltensregeln durch. Somit war die Professionalisierung des Finanzjournalismus auch eine Folge seiner öffentlichen Problematisierung.