Hervorgehoben

30 Jahre medien & zeit

von Dr. Gaby Falböck
Obfrau des Arbeitskreises für historische Kommunikationsforschung

30 Jahre medien & zeit! Geburtstage geben stets Anlass zur Rückschau und Reflexion über das vergangene Jahr. Runde Geburtstage regen meist weitreichendere Selbstbetrachtungen an: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden be- und mitunter ausgeleuchtet. Aus den Entwicklungslinien entspinnt sich ein roter Faden. Was für menschliche Existenzen gilt, zählt auch für Zeitschriftenprojekte und die dahinterstehende Herausgebergemeinschaft. Zeit also nachzudenken, Zeit medien & zeit unter die Lupe zu nehmen. Weiterlesen

Editorial 2/2015 Ansichten des Pornografischen

Mit der vorliegenden Ausgabe widmet sich medien & zeit vorsätzlich einem sensiblen Thema: Unter dem Titel „Ansichten des Pornografischen“ wird das Forschungsfeld der Pornografie unter medienhistorischen Bedingungen und Herangehensweisen abgesteckt und befragt. Pornografie ist gewiss ein Reizwort, gar zu schnell ist man eher mit persönlichen Ansichten und moralischen Wertungen konfrontiert, denn mit sachlichen Auseinandersetzungen und reflektierten Analysen. Insbesondere die Betrachtung historischer Entwicklungen und gegenwärtiger Herausforderungen macht aber deutlich, wie sehr die Pornografie in der Gesellschaft verankert ist. Kampagnen der Unterdrückung oder auch des generellen Verbots erwiesen sich stets als Sackgasse. Bis heute werden Restriktionen postuliert, die insbesondere auf Schutz von Kindern und Jugendlichen pochen, ohne dabei auf ihre Lebensrealität oder Medienkompetenz einzugehen. Die Herausforderungen der Pornografie an Gesellschaft und Wissenschaft lassen sich nicht nach einem simplifizierenden Gestus des „Entweder – Oder“ adressieren oder gar dauerhaft bewältigen. Die Auseinandersetzung mit der Pornografie darf aber – und das ist für die angestrebte Betrachtung des Gegenstandes nicht weniger wesentlich – einfach durch die Beschäftigung zu einer ebenso eindimensionalen Haltung umfassender Nobilitierung verführen. In Zeiten einer hypersexualisierten Medienwelt und einer Allgegenwart bzw. gesteigerten Verfügbarkeit visueller Verbrauchsgüter pornografischen Zuschnitts braucht es eine wissenschaftliche Perspektive auf die Pornografie, es braucht, provokant formuliert, wohl weniger pornografische Blickwinkel, denn vielmehr Ansichten des Pornografischen. Der logische Rückgriff auf die Möglichkeit nach der Definition bzw. Definierbarkeit von Pornografie konfrontiert die Fragenden – wollen sie der etymologischen Definition der Hetärengespräche ausweichen oder sie unter gegenwärtigen Bedingungen aktualisieren – mit dem Umstand, weniger einen umkämpften Begriff sprachlich und diskursiv dingfest machen zu können, sondern sich inmitten eine heftigen Begriffsdebatte, die von ihren sozialen, juristischen, politischen, ästhetischen usw. Kontexten nicht abzulösen ist, zu begeben.
Weiterlesen

Anna Babka, Ursula Knoll & Matthias Schmidt: „Pornografie theoretisieren“ Zur Aktualität eines disparaten Forschungsfeldes

Abstract
Innerhalb des florierenden Forschungsfeldes der Pornografieforschung stellt die Frage nach den spezifischen methodologischen Voraussetzungen und Problemstellungen eine der zentralen Herausforderungen dar. Angesichts der thematischen, methodischen und disziplinären Vielfältigkeit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Pornografie wird der Fokus im Rahmen der einsetzenden Institutionalisierung verstärkt auf die Reflexion der impliziten theoretischen Vorannahmen gelegt. Ausgehend von diesem paradigm shift hin zu einer kritischen Pornografieforschung (Feona Attwood), die vermehrt auf die konstituierenden medialen, rhetorischen und diskursiven Aspekte eingeht, gibt der Beitrag einen historischen Überblick über die theoretischen Basiskonzepte, die den Diskurs strukturieren. Darauf aufbauend wird anhand exemplarischer Publikationen ein Spektrum aktueller Entwicklungen und Fragestellungen skizziert, die auf eine forschungspolitisch reflektierte Erweiterung bestehender Ansätze abzielen.

Kristina Pia Hofer: „Mit unzähligen Fotos von Leserinnen und Lesern“ Pornografische Amateurfotografien im Österreichischen Kontaktmagazin (ÖKM), 1981 – 1989

Abstract
Der Artikel analysiert das Sexkontaktmagazin ÖKM als Plattform für den Austausch von analogen, pornografischen Amateurfotografien, und stellt die These auf, dass Nutzer_innen der Zeitschrift bereits während der 1980er in Prozesse eingebunden sind, die später als charakteristisch für Tauschbeziehungen im Internet diskutiert werden sollen. Zu diesen Prozessen gehören die Verstärkung der unmittelbaren Interaktion zwischen Bildproduzierenden und -betrachtenden, die Erosion der Grenzen zwischen „Producern“ und „Consumern“, und der zunehmend wichtige Stellenwert von immaterieller und affektiver Arbeit für die Wertschöpfung durch Bilder und Texte. Der Artikel erweitert damit die gegenwärtige Diskussion um das Wesen von Amateur_innen-Arbeit in der pornografischen Produktion für online-Plattformen um eine historische Perspektive. Der Beitrag nähert sich der Fragestellung über eine qualitative, empirische Analyse des Inhalts von 30 Ausgaben der Zeitschrift, die zwischen Juni 1981 und Juni 1989 erschienen sind.

Christine Dallmann & Ralf Vollbrecht: Jugend und Pornografie

Abstract
Von einer angeblichen „Pornografisierung“ der Gesellschaft insgesamt und einer Jugend als „Generation Porno“ im Speziellen ist seit einigen Jahren und anhaltend die Rede. Profiteure und treibende Kräfte dieses Diskurses sind oft nicht eindeutig auseinanderzuhalten. Die folgenden Ausführungen geben zunächst einen kurzen Einblick in den öffentlichen Diskurs und seine Funktionsmechanismen. Ein anschließender Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse ermöglicht dann eine differenziertere Betrachtung der Frage, welche Rolle sexualisierte Inhalte und Pornografie im Alltag Jugendlicher spielen. Dabei wird deutlich, dass diese Frage nicht eindimensional im Sinne der Medienwirkungsforschung beantwortet werden kann. Insbesondere vor dem Hintergrund neuerer medialer Entwicklungen zeigt sich, wie ausdifferenziert mediale Praxen Jugendlicher sind. Dass damit auch Risiken für die Jugendlichen selbst einhergehen, ist ein Grund für bestehenden pädagogischen Handlungsbedarf. Fortlaufende Forschungsunternehmungen zum Thema „Jugend und Pornografie“ sind notwendig, um einerseits Impulse für die pädagogische Praxis geben zu können und andererseits eine wissenschaftliche Stimme in der aufgeregt geführten populärwissenschaftlichen Debatte laut machen zu können.

Bettina Schabschneider: Adult Remakes Pornografische Neuverfilmungen im Vergleich zu ihren Originalvorlagen und ihr Verhältnis zu Genres des filmischen Mainstreams

Abstract
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit der Erscheinungsform des Adult Remakes als pornografische Neuverfilmung einer erfolgreichen Blockbuster-Produktion. Ausgehend von einer etymologischen Begriffsdeutung und dem Diskurs der Definitionsproblematik wird auf die Geschichte und Rezeption von Pornografie im Allgemeinen eingegangen. Die Erfindung des Mediums Film ermöglicht auch dem pornografischen Genre neue Darstellungsmethoden und Erzählstrukturen. Anhand der Historie des pornografischen Spielfilms und seiner Entstehung parallel zur Entwicklung des nicht-pornografischen Erzählkinos, wird belegt, dass pornografische Neuverfilmungen seit Anbeginn des Films existieren. Mittels des Beispiels der Firma Saturn-Film wird der Bogen von Adult Remakes im frühen Kino zu jenen Produktionen, die auf heutigen erfolgreichen Mainstream-Filmen basieren, gespannt. Die Analyse von drei Beispielpaaren zeigt, dass die Neuverfilmungen durch den Einsatz genretypischer Stilmittel und referenzierender Elemente auf den Wiedererkennungswert ihrer gattungsspezifischen Vorlagen setzen, während die Übernahme genre-typischer Merkmale der Originalvorlage nicht hinreichend nachgewiesen werden konnte.

Diotima Bertel: Journalistische Verantwortung zwischen Individualethik und Berufsethos Überblick über philosophische Positionen der Medienethik

Abstract
Die Medienethik, die in der (deutschsprachigen) kommunikationswissenschaftlichen Debatte lange Zeit eine untergeordnete Rolle gespielt hat, stellt nur selten die Frage nach ihren philosophischen Grundlagen, sondern beschäftigt sich zumeist mit moralischen Normen und Pflichten der Medienschaffenden. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die philosophische Basis, die sowohl deontologisch (transzendentalphilosophisch, diskursethisch) oder teleologisch (utilitaristisch) begründet sein kann, wobei beide dieser Ansätze der normativen Ethik zugeordnet werden können. Davon ausgehend wird die Frage nach der Verantwortung als zentrale medienethische Kategorie neben Öffentlichkeit, Freiheit und Qualität behandelt. Im Spannungsfeld zwischen Individualethik und Berufsethos wird versucht, diese essentielle Kategorie einzuordnen. Die Selbstregulierung des Journalismus durch journalistische Ehrenkodizes und Presseräte ist dabei eine Möglichkeit, individuelle und berufsethische Positionen zu verbinden.

Rezensionen 2/2015

Kötzing Andreas: Kultur- und Filmpolitik im Kalten Krieg. Die Filmfestivals von Leipzig und Oberhausen in gesamtdeutscher Perspektive 1954-1972, Göttingen: Wallstein 2013, 427 Seiten.
– rezensiert von Christoph Lorke, Münster

Phillipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolution 1960-1990, München: C.H. Beck 2015, 328 Seiten.
– rezensiert von Thomas Ballhausen, Wien


 

Editorial 1/2015 Journalismus, Medien und Öffentlichkeit als Beruf

Entfesselung, Formierung, Professionalisierung des medialen Berufsfeldes

Mit dieser Ausgabe von medien & zeit wird das im letzten Heft begonnene Thema „Journalismus, Medien und Öffentlichkeit als Beruf: Entfesselung, Formierung und Professionalisierung des medialen Berufsfeldes“ fortgesetzt. Wie dort bereits erläutert (Koenen & Birkner, 2014), zielt der Themenschwerpunkt grundsätzlich auf eine Öffnung der Kommunikationsgeschichte für die Vielfalt der Berufe, wie sie sich von der zweiten Hälfte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts um die Felder Journalismus, Medien und Öffentlichkeit herausgebildet und ausgeprägt haben. Im Sinne einer „integrativen Perspektive“ ist dies ein prinzipielles Plädoyer für eine Weitung des Forschungsfokus auf das Feld der Geschichte der Kommunikations- und Medienberufe, um einen übergreifenden kommunikations- und medienhistorischen Erkenntniskontext herzustellen, der sich für die Genese, Organisation und strukturelle Tiefengliederung des modernen medialen Berufszusammenhangs in Gänze interessiert. Nach den Beträgen des vorigen Heftes sollen die in dieser Nummer zum Thema versammelten, wiederum ganz unterschiedlichen Beiträge aus dem breiten Spektrum der Journalismus-, Kommunikations- und Medienberufsgeschichte weitere Impulse liefern. In dieser Weise offenbaren die Beiträge erneut ein facettenreiches und spannendes Forschungsfeld, in dem noch vielen interessanten Fragen, Problemen und Themen nachgegangen werden kann.

Weiterlesen