Editorial 4/2014

Journalismus, Medien und Öffentlichkeit als Beruf:
Entfesselung, Formierung, Professionalisierung des medialen Berufsfeldes

Fragestellungen und Konturen eines kommunikationshistorischen Forschungsfeldes

In dieser und der folgenden Ausgabe von medien & zeit soll der Entfesselung, Formierung und Professionalisierung des medialen Berufsfeldes nachgespürt werden, wie es sich von der zweiten Hälfte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts um die Felder Journalismus, Medien und Öffentlichkeit herausgebildet und ausgeprägt hat. Das ist grundsätzlich als Plädoyer für eine Öffnung und Weitung der kommunikationshistorischen Sicht auf die Geschichte von Kommunikation- und Medienberufen zu verstehen: hin zu einer auch historisch „integrativen Perspektive auf das Berufsfeld Medienkommunikation“ (Engels, 2002, S. 8).
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Susanne Kinnebrock, Elisabeth Klaus & Ulla Wischermann: GrenzgängerInnentum als terra incognita der KommunikatorInnenforschung? Zum Potenzial von Autobiographien für die historische Berufsfeldforschung

Abstract: Der Beitrag thematisiert den Quellenwert von Autobiographien für die historische KommunikatorInnenforschung am Beispiel von drei Journalistinnen der Nachkriegszeit. Zunächst wird die Verwendung von Autobiographien in der Kommunikationswissenschaft kritisch beleuchtet und die wichtigsten Typen und zentralen Merkmale des Genres diskutiert, dessen Texte stets als Rekonstruktionen begriffen werden müssen. Ihr zentraler Wert für die historische KommunikatorInnenforschung liegt darin, dass die journalistische Tätigkeit nicht isoliert betrachtet wird, sondern im Gesamt des Lebenszusammenhangs einer Person und in der Wechselwirkung mit anderen Tätigkeiten. Der exemplarischen Untersuchung liegt die Frage zugrunde, ob nicht ein GrenzgängerInnentum – sei es synchron als Paralleltätigkeit in verschiedenen Medienbereichen oder diachron im Lebensverlauf – für den Journalismus, jedenfalls den von Frauen, keine Ausnahme sondern die Regel war. Vorangestellt ist eine knappe Einführung in die journalistische Tätigkeit von Frauen in der Nachkriegszeit, die stark durch die (Medien-)Politik der Besatzungsmächte geprägt war. Am Beispiel von Helene Rahms, Gabriele Strecker und Elfriede Brüning werden sodann drei sehr unterschiedliche Autobiographien von drei weniger bekannten Publizistinnen diskutiert und dabei verschiedene Formen des Grenzgängerinnentums beleuchtet.

Robert Radu: Vom „Kuli der Börse“ zum Anwalt der Öffentlichkeit? Zur Professionalisierung des Finanzjournalismus in Deutschland 1850-1900

Abstract: Die 1850er-Jahre markieren eine Zäsur in der Geschichte finanzieller Kommunikation in Deutschland: An der Schnittstelle von Finanzsektor und Öffentlichkeit konstituierte sich in dieser Zeit ein neues journalistisches Feld, das fortan die gesellschaftliche Beobachtung des Börsen- und Finanzmarktgeschehens organisierte und prägte. Unter den Leitprinzipien von Aktualität und Unparteilichkeit verhieß der Finanzjournalismus eine „Demokratisierung“ finanziellen Wissens, die angesichts des Informationsgefälles auf Märkten umso attraktiver auf jene Zeitungsleser wirkte, die mit dem Aktienboom der 1830er-Jahre zu Wertpapierbesitzern geworden waren. Der Finanzjournalismus schuf einerseits neue journalistische Praktiken und Berufsrollen wie den Börsenreporter und forderte andererseits Banken und Unternehmen zur Anpassung ihrer inneren Strukturen durch Einrichtung von Pressestellen auf. Gleichzeitig jedoch bestimmten Interessenverschränkungen lange die Beziehungen zwischen Presse und Finanzwelt. Erst nach mehreren Korruptionsskandalen im Journalismus setzten sich um 1900 beiderseits anerkannte Standes- und Verhaltensregeln durch. Somit war die Professionalisierung des Finanzjournalismus auch eine Folge seiner öffentlichen Problematisierung.

Peter Szyszka: Vom „Literarischen Bureau“ zum „Pressechef“ Die deutsche PR-Berufsfeldentwicklung in der Weimarer Republik

Abstract: Die historiografische PR-Forschung steht auf dem Feld der Kommunikatorforschung im deutschen Sprachraum vor einem Bündel von Problemen. So lässt sich das Entstehen eines PR-Berufsfeldes zwar punktuell bis ins die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Fehlende eindeutige Begrifflichkeit und das Fehlen eines eigenen, einschlägigen Schrifttums erschweren aber die Spurensuche. Derartige Spuren finden sich in Literatur zu Reklame, Werbung und Propaganda. Die parallele amerikanische PR-Entwicklung wiederum war in den Jahren der Weimarer Republik zwar bekannt, fand in der Literatur aber keinen Niederschlag. Demgegenüber wurde aber der Einfluss dessen, was später unter PR-Arbeit firmierte, mehrfach als Thema problematisiert, ohne dafür einen eindeutigen Begriff zu benennen. Spätere berufsständische Legendenbildung erklärte diese Vorkriegsgeschichte zu bloßer Vorgeschichte. Dennoch lassen es ausgewählte Dokumente heute zu, Einschätzungen zum Professionalisierungsstatus jener frühen PR-Arbeit vorzunehmen.

Jürgen Wilke: Inlands- und Auslandskorrespondenten in der Weimarer Republik

Abstract: Der Korrespondent ist der „Urtyp“ des Journalisten. Nach einem kurzen Rückblick auf seine Frühgeschichte wird das Berufsfeld der Inlands- und Auslandskorrespondenten in Deutschland in der Weimarer Republik untersucht. Die Möglichkeit dazu bietet das Jahrbuch der Tagespresse 1930. Damit ist eine quantitative Bestandsaufnahme möglich. Wie groß war die Anzahl der Inlands- und der Auslandskorrespondenten? Wo waren sie im Inland angesiedelt und in welchen anderen Ländern? Welche Zeitungen verfügten über eigene Korrespondenten und an welchen Orten? Inwieweit handelte es sich um exklusive Korrespondenten und inwieweit versorgten sie verschiedene Zeitungen mit Berichten? Da in dem Jahrbuch auch die in Deutschland tätigen Korrespondenten anderer Länder aufgeführt werden, lässt sich auch deren Korps näher beschreiben. Welche ausländischen Zeitungen waren hierzulande vertreten? Anhand der Korrespondenten lässt sich zudem prüfen, ob der Nachrichtenfluss zwischen Deutschland und den andern Ländern ausgewogen oder wo er möglicherweise einseitig war. Als demographische Merkmale lassen sich Geschlechterverteilung und der Bildungsrad näher bestimmen. Zusätzlich als Quelle werden einige autobiographische Zeugnisse herangezogen.

Rezensionen 4/2014

Klaus Elisabeth, Wischermann Ulla: Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten 1848–1990. (Journalismus in Theorie und Praxis, Bd. 18) Wien, Berlin: LIT 2013, 384 Seiten.
– rezensiert von Monika Bernold, Wien

Rüdiger Mark: „Goldene 50er“ oder „Bleierne Zeit“? Geschichtsbilder der 50er Jahre im Fernsehen der BRD, 1959–1989. Bielefeld: transcript Verlag 2014, 356 Seiten.
– rezensiert von Barbara Fischer, Wien

Robertson von Trotha, Caroline (Hg.): Celebrity Culture. Stars in der Mediengesellschaft. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013, 221 Seiten.
– rezensiert von Julia Wippersberg, Wien

Krüger-Fürhoff Irmela Marei: Verpflanzungsgebiete. Wissenskulturen und
Poetik der Transplantation. München: Wilhelm Fink Verlag 2012, 400 Seiten.
– rezensiert von Thomas Ballhausen, Wien

Bourdieu Pierre: Über den Staat. Vorlesungen am Collège de France 1989–1992. Berlin, Suhrkamp Verlag, 2014, 724 Seiten.
– rezensiert von Alessandro Barberi, Wien

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Mario Magazin: Neurokognitive Unterhaltungstransformation in der Komödie

Abstract: Komödien scheinen, anders als Horror- und Actionfilme, von Zusehern viel unproblematischer als Unterhaltung angenommen zu werden. Als Erklärung wird das Drei-Stadien-Modell der Unterhaltungstransformation von Grimm – ursprünglich aus Daten über Gewaltfilme gewonnen – nun auch für Komödien vorgeschlagen. Zugunsten besserer Operationalisierbarkeit wird eine neurokognitive Theorie als komplementäres Modell ausgewählt. Der Rest des Aufsatzes stellt zuerst in einer kurzen Einführung die wichtigsten Neuronenpopulationen im erweiterten limbischen System vor. Danach wird als Modell der Unterhaltungstransformation die Re-Appraisal-Theorie der Emotion-Regulation von Ochsner, Silvers und Buhle anhand des dorsalen fronto-parietal Attention Networks erklärt. Mögliche Schwierigkeiten bezüglich der Methode der functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI) und theoretische Probleme im Re-Appraisal werden kurz diskutiert. Anschließend wird auf Basis von Morrealls Humor Konzeption und fMRI-Daten ein neuronales Substrat für Humor vorgeschlagen. Conclusio und Ausblick erwähnen die Wichtigkeit der Amygdala und Belohnungszentren wie das ventrale Striatum im Vergleich für Re-Appraisal und Humor und plädieren außerdem für mehr theoretische Tiefe bei der fMRI Forschung in diesem Bereich.

Jürgen Grimm: Lachen im sozialen Kontext Konstruktion und Evaluation des Humor-Dispositions-Tests

Abstract: Ausgangspunkt ist die transformative Kraft des Humors, die sich auf Kommunikationssituationen wie auf soziale Beziehungen massiv auswirkt. Aufgrund eines Vexierspiels zwischen Gesagtem und Gemeinten durchbricht der Humor die üblichen semantischen und sozialen Regeln und setzt reflexive Prozesse in Gang, die im Einzelnen schwer zu durchschauen und noch schwerer zu kontrollieren sind. Die gewonnenen Einsichten in die Superiorität, Exklusivität und Universalität des Humors werden im zweiten Teil des Aufsatzes in ein empirisches Verfahren zur Messung der Humordisposition (HDT) umgesetzt und mit Hilfe einer konfirmatorischen Faktorenanalyse an einem Sample von insgesamt 1395 ProbandInnen evaluiert. Der HDT operationalisiert u. a. unter dem Rubrum des „Humorstils“ das Überlegenheitslachen entlang der sozialen Hierarchie (Hobbes) versus der karnevalesken Umkehrung politischer Machtverhältnisse (Bachtin). Ebenso werden Exklusions- und Inklusionstendenzen des Humors im Sinne der „sozialen Identitätstheorie“ einander gegenübergestellt sowie ein empirisches Maß für die Universalisierung des Humors geschaffen. Im abschließenden Fazit werden die Anwendungsmöglichkeiten des HDT im Rahmen der kommunikationswissenschaftlichen Forschung erörtert.

R. Lance Holbert: Political Satire Defining a Nebulous Construct

Abstract: Political satire is a complex form of political discourse that is evident in democratic media systems across the globe. Its diversity has led many to argue that it is impossible to put forward a proper definition that encompasses all of its seemingly infinite permutations, and all extant attempts to define this unwieldy concept have been met with much criticism. Not one communicative act can be studied and understood properly without being well defined. Studies of political satire are on the rise and much knowledge has been generated over the last decade. However, these lines of research will fall into stagnation if the central communication construct driving these efforts is not explicated with the necessary precision. This essay offers a comprehensive definition of political satire in an effort to create a foundation from which this area of study can continue to flourish.